Siegeslauf der Ratzeburger. 513
von Schwerin, Adolf II. von Holstein, Heinrich von Ratzeburg und so vieler
anderer Helden, die ehemals dem Herzog ergeben gewesen waren und seine
Schlachten geschlagen hatten: und zwar gerade zu der Zeit fand Heinrich
keine geschickten Helfer, wo seine eigene zunehmende Schwäche ihn deren so
bedürftig machte. Zuerst hatte der Zug freilich guten Erfolg. Die Herzoglichen
überschritten unter dem Schutze der Feste Lauenburg heimlich die Elbe;
dann rückten sie schnell an Ratzeburg vorüber auf Lübeck zu. Als die Leute des
Grafen Bernhard II., die vor Lübeck lagen, von der Ankunft des Entsatzheeres
hörten, fürchteten sie, zwischen diesem und der Stadt eingeschlossen zu werden,
hoben eiligst die Belagerung auf und flüchteten nach Ratzeburg. So
schnell war ihre Flucht gewesen, daß sie ihr Lager mit allem, was es enthielt,
zurückgelassen hatten. Die Lübecker Bürger, die sich so plötzlich von aller
Angst erlöst sahen — denn Graf Adolf lag zu derselben Zeit krank im Schlosse
Sigeberg — strömten aus den Toren heraus in das verlassene feindliche
Lager, taten sich nach der erlittenen Not doppelt gütlich an den Lebensmitteln
der Feinde und plünderten alles Wertvolle, was sie daselbst vorfanden. Mit
größter Freude kehrten sie in ihre Stadt zurück, in die das herzogliche Heer
nun eingezogen war'). — Aber dies war für lange Zeit auch der letzte Lichtblick,
den die Sonne des Glückes den Anhängern Heinrichs des Löwen zuwarf;
mit einem Schlage änderte sich die ganze Lage der Dinge. Am nächsten
Morgen nämlich rückten die Herzoglichen unter Führung Konrads von Rode
und des älteren Bernhard aus, um ihre Feinde in deren eigenem Lande anzugreifen.
Die Ratzeburger aber, obgleich schwächer an Zahl, zogen mutig
dem Feinde entgegen und stellten sich an der Furt des Flusses Schwartau auf,
welche die Herzoglichen auf ihrem Vormarsche passieren mußten. Als diese
auf die Stellung der Ratzeburger Sturm liefen, wurden sie mit beträchtlichem
Verluste in die Stadt zurückgeschlagen. Am nächsten Tage kehrte der
siegreiche Graf Bernhard nach Ratzeburg zurück und sammelte hier — bei der
noch fortdauernden Krankheit Adolfs — eine große Schaar Holsten um sich.
Mit diesem Heere rückte er vor Lübeck und nahm zwischen Wackenitz und Trave
Stellung, um die Herzoglichen anzugreifen, wenn sie Miene machen würden,
die Stadt zu verlassen. Dieses merkte Konrad von Rode, und da er nach Erreichung
seines Zweckes, der Entsetzung Lübecks nicht mehr in Nordalbingien
verweilen wollte, marschierte er heimlich in der Nacht aus einem nördlichen
Tore der Stadt heraus, begab sich auf einem Umwege nach Süden und rückte
dann am linken Ufer der Wackenitz herauf, während Graf Bernhard am
rechten Ufer stand. Bernhard II. verfolgte zwar die Herzoglichen, da aber der
Fluß zwischen ihnen war, konnte er nicht an sie heran. Aber immer mehr vergrößerte
sich sein Heer durch neue Zuzüge, und endlich holte er seine Feinde
bei Boizenburg ein, wo sie unter dem Schutze des Kastells die Elbe überschreiten
wollten. Sofort griff er sie an; viele von ihnen wurden erschlagen,
noch mehrere, zwischen der Elbe und den Feinden eingeschlossen, gefangen;
) Eiehe S. 512, Anm. 1).
Philippson, Heinrich der Löwe. 33