Metadata : Unser Pommernland. 3. Jahrgang 1915/16. (3)

130

Hier  angekommen,  sah  er  das  Schifflein  mit  ge—
blähtem  Segel  bereits  fern  vom  Ufer  gen  Osten  fah—
ren.  Den  Führer  aber  entdeckte  er  nicht  an  Bord,
so  sehr  er  auch  sein  Auge  anstrengte.  Als  er  aber
an  die  Stelle  kam,  wo  er  vor  kurzem  gelandet  war,
bemerkte  er  Blutspur  im  weißen  Sande  und  eine
zu  den  Dünen  emporführende  Furche,  die  deutlich
erkennen  ließ,  daß  hier  eine  Last  hinaufgeschleift
war.  Der  eigenen  Gefahr  nicht  achtend  eilte  Kun—
rad,  der  Spur  folgend,  zu  den  Hügeln  empor.
Kaum  war  er  oben  angelangt,  so  fand  er  auch
schon  zu  seinem  Schreck  und  Schmerze  seinen  braven
Knecht,  zwischen  Stranddisteln  und  Dünengräsern
gebrochenen  Auges  hingestveckt;  der  tückische  Wendenpfeil
  hatte  nur  zu  gut  sein  Ziel  getroffen,  er  hatte
das  treue  Herz  durchbohrt.  Da  rollten  zwei  schwere
Tränen  über  die  Wangen  des  jungen  Mannes,  und
drohend  erhob  er  die  Faust  gegen  die  Burg  des
Wendengrafen.  Dann  aber  trug  er  den  Leichnam
zu  einer.  Grube,  wie  sie  der  Wind  häufig  in  den
Dünen  aushöhlt,  bettete  ihn  in  diese  hinein  und
scharrte  mit  Fuß  und  Hand  von  dem  losen  Sande
darüber,  bis  der  Tote  völlig  bedeckt  war.  Dabei
achtete  er  nicht  der  heftigen  Schmerzen,  die  ihm  bei
jeder  Bewegung  der  noch  in  seiner  Brust  haftende
Pfeil  bereitete.  Nachdem  er  zuletzt  ein  stilles  Gebet
  über  dem  Grabe  gesprochen  hatte,  wandte  er
sich  wieder  dem  Strande  zu,  um  jenseits  des  Lindenbaches
  sich  in  den  dichten  Wald  zu  schlagen  und
zu  versuchen,  durch  diesen  hindurch  seine  Burg  zu
erreichen.  Er  hoffte,  daß  seine  Kräfte  noch  bis  dahin
  reichen  würden;  denn  war  der  Pfeil  auch  tief
in  das  Fleisch  eingedrungen,  so  schien  ihm  die
Wunde  doch  nicht  lebensgefährlich  zu  sein,  da  das
starke  Lederkoller,  das  er  trug,  die  Kraft  des  Geschosses
  gebrochen  hatte.  Den  Strand  zu  benutzen,
scheute  er  sich,  denn  er  befürchtete,  man  möchte  ihm
mit  einer  stärkeren  Horde  nachsetzen,  sobald  man
nach  den  abgesandten  Mördern  Nachsuche  gehalten
und  die  Erschlagenen  gefunden  haben  würde.

Während  nun  Kunrad  am  Meeresgestade  dahinschritt,
  sann  er  zum  ersten  Male  nach  dem  so  glücklich
  vereitelten  Anschlage  nach,  wie  dieser  wohl  zustande
  gebommen  sein  möchte.  Niemand  wußte  um
seine  heimlichen  Zusammenkünfte  mit  der  Geliebten.
Sollte  sie  selbst  die  Schuldige  sein?  Sollte  sie  ihn
nier  aus  dem  Grunde  an  sich  gelockt  und  ihm  Liebe
geheuchelt  haben,  um  den  verhaßten  Fremdling
desto  sicherer  dem  Verderben  anheimzugeben?  Sein
Herz  sträubte  sich  gegen  diesen  häßlichen  Verdacht,
aber  konnte  es  anders  sein?  Weshalb  war  sie  heute
nicht  gekommen,  statt  ihrer  aber  die  beiden  Meuchelmörder?
  Nein,  es  war  klar,  man  hatte  ihm  durch
die  schène  Teufelin  eine  Falle  gestellt.  Es  war  ein
von  vornherein  schlau  angelegter  Plan,  von  ihrer

—  —  Anser  Pommerland

ersten  Begegnung  an  bis  zur  jetzigen  Stunde.  Und
er  hatte,  als  er  damals  ihren  zum  Abschnellen  des
Pfeiles  erhobenen  Arm  erzittern,  als  er  es  in  ihrem
Auge  so  wundersam  aufleuchten  sah,  in  töriger
Eitelkeit  gewähnt,  diese  innere  Bewegung  habe  er
in  der  trotz  allem  Hasse  weiblich  fühlenden  Brust
der  stolzen  Maid  erregt!  Verstellung  war  ihr  Gebaren
  gewesen,  kluge  Berechnung  ihr  Tun!  Ja,  er
war  häßlich  überlistet,  verraten  worden  von  der,
die  er  heiß  und  innig  geliebt  hatte,  ein  Opfer  auch
ihres  grimmen,  schlau  verborgenen  Hasses  gegen
seinen  Stamm.  Indes  sie  seine  Liebkosungen  liit
und  innig  zu  erwidern  schien,  hatte  ihr  arglistiges
Herz  wohl  gar  den  Plan  geschmiedet,  wie  sie  ihn
sicher  verderben  könne.

Gerechter  Zorn  und  Verachtung  gegen  die  Falsche
  erfüllten  sein  Herz,  während  er  so  ihrer  Hinterlist
  gedachte;  aber  zuletzt  überschlich  ihn  eine
wehmütige  tiefe  Trauer.  Von  den  Menchen,  des
Klosters  zu  St.  Gallen,  von  denen  er  in  den
Wissenschaften  unterrichtet  worden  war,  hatte  er
einmal  die  wunderbare  Mär  von  zwei  Königskindern
  gehört,  die  einander  in  innigster  Liebe  zugetan
  waren.  Und  als  sie  dann  Mann  und  Weib
geworden,  hatte  man  den  Gatten  heimtückisch  ermordet.


Doch  nicht  sein  Ehegemahl  war  die  Anstifterin
des  ruchlosen  Verbrechens  gewesen,  sondern  ein  Gefolgsmann
  ihres  königlichen  Bruders,  ein  finsterer,
rücksichtsloser  Gesell.  Des  Ermordeten  Weib  aber
hatte  später  furchtbare  Rache  genommen  und  ein
ganzes  Königsgeschlecht  war  dieser  zum  Opfer  gefallen.
  Am  Schluß  der  Mär  —  er  hatte  es  wohl
im  Gedächtnis  behalten  —  hieß  es:

So  endete  mit  Leide  des  Festes  Fröhlichkeit,

Wie  Liebe  sich  noch  immer  zuletzt  verkehrt  in  Leid.
Erging  es  ihm  hier  nicht  ähnlich,  wie  dort  zu
Worms  ehedem  dem  edlen  Nibelungen  Siegfried?

In  trübem  Sinnen  und  während  seine  Wunde
ihm  bei  jedem  Schritt  schmerzhaftes  Weh  bereitete,
war  der  Jülüngling  dort  angekommen,  wo  der
Lindenbach,  an  dem  Herrn  Sambors  Burg  lag  und
der  den  großen  Schilfsee  bei  hohem  Wasserstande
nach  der  See  entwässerte,  sich  dicht  am  Meeresufer
im  Sande  verlor.  Herrn  Kunrad  war  nicht  bekannt,
  daß  es  mit  Lebensgefahr  verbunden  war,
diese  Stelle  zu  beschreiten,  wenn  der  Wind  längere
Zeit  landeinwärts  gestanden  hatte.  Denn  in  diesem
  Falle  bildete  sich  dadurch,  daß  sich  die  kurze
Strecke  zwischen  Bach  und  Meer  gleich  einem
Schwamme  voll  Wasser  sog,  der  sogenannte  Saugsand,
  der  den  Wanderer,  wenn  er  nicht  sogleich
umkehrt,  unbarmherzig  in  die  Tiefe  zieht.

(Fortsetzung  folgt.)

—