Wohnung. 169
Unsere Alohnung.
Über dem Bette, unserer Kleidung für die Nacht, steht noch eine
andere, umfangreichere Hülle: das Dach über unserem Haupte, unsere
„Hütte“, unsere Wohnung. Auch für sie gilt in gewissem Sinne das
gleiche Grundprinzip, das wir schon für Kleid und Bett aufstellten: sie
muß „durchlässig“ sein, d. h. Außenluft eindringen, Innenluft heraustreten
lassen.
Im Urzustande sind die menschlichen Wohnungen äußerst primitiv gewesen,
aus mehr oder minder luftigen Zelten bestehend, in Felsen= und
Erdhöhlen eingerichtet, aus Blöcken erbaut usw., bis endlich der luftdichte
Verschluß aus Lehm, Steinen, Ziegeln usw. andere Bauarten verdrängte
und gegen äußere Einflüsse den besten Schutz gewährte. Die festen Mauern,
an welchen nur einige Luft= und Lichtlöcher angebracht waren, unsere
sogenannten „Fenster“", brachten uns dauernd warme Räume, ermöglichten
uns daher, auch bei größter äußerer Kälte eine ausgebreitete Tätigkeit
zu entfalten, die sich Menschen früherer Jahrtausende, welche unsere häusliche
Einrichtung nicht kannten, kaum träumen ließen. Sie brachten uns
aber auch nebenbei alle üblen Folgen der Abschließung, ein früher auch
nicht gekanntes Siechtum, langsamen aber sicheren Verfall. Und warum?
Weil die dichten, undurchlässigen Häuser den Zutritt des Sauerstoffes erschweren
und zu einer Ansammlung der menschlichen Auswurfsstoffe innerhalb
der Häuser führen, die auf deren Bewohner einen vergiftenden Einfluß
ausüben müssen.
Erst im letzten Jahrhundert kam dies mehr zum Bewußtsein, und
Bestrebungen tauchten da und dort auf, für eine ausgiebigere Ventilation
unserer Wohnungen zu sorgen, für mehr Lichtzutritt, für Schlafen in
offenen Hütten während der warmen Jahreszeit usw. — Untersucht man
die neueren Viertel unserer heutigen Städte, so findet man auch tatsächlich
manchen Fortschritt in dieser Hinsicht, manche Besserung gegen frühere
Zeiten. Im ganzen aber, für den größeren Teil der Städte, sieht es noch
sehr traurig hinsichtlich wirklich gesunder Wohnungen aus. Finstere Gänge,
enge Küchen, winzige Schlafkammern mit übelriechender Hofluft, niedere
Zimmer, in welche das ganze Jahr durch kein Sonnenstrahl fällt, staubige
Straßenluft für die Zimmer der Vorderseite: das ist so beiläufig die Beschaffenheit
von Tausenden der städtischen Wohnungen. Ist es da ein
Wunder, wenn ihre Bewohner blaß und gelb werden, wie alle Pflanzen, die
man in einen dumpfen Keller stellt, statt sie der Luft und dem Sonnenulichte
auszusetzen?
Und wenn dann noch in diesen Wohnungen wenigstens die Reinlichkeit
herrschte, die wir an anderen Stellen schon beschrieben! Wenn die Feuster