Full text : Unser Pommernland. 3. Jahrgang 1915/16. (3)

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trocken  Brot  oder  eine  Kartoffel;  die  Verwundeten
und  Kranken  aber  lagen  auf  den  harten  Pritschen
in  der  städtischen  Malzdarre  und  warteten  sehrsüchtig
  auf  das  Wassersüpplein,  das  ihnen  die  mitleidigen
  Bürgerfrauen  schickten.

Auch  von  Schill  erzählte  sie  umd  seinem  Freikorps,
  das  auf  seinen  Streifzügen  von  Kolberg  aus
oft  auch  unser  kleines  Landstädtchen  passterte  und
dabei  nicht  weniger  rücksichtslos  wie  die  Franzosen
verfuhr,  keine  Ausrede  gelten  ließ,  Lebensmittel  requtrierte
  und  dem  Ackerbürger  das  letzte  Pferd  aus
dem  Stalle  nahm.  Noch  immer  lebte  in  den  sechziger
  Jahren  die  Erinnerung  an  die  Schillschen  Husaren
  in  einem  kleinen  Sprüchlein,  das  uns  der
Bater  wohl  in  halbem  Ernst  zurief,  wenn  wir  irgendeine
  Unart  zu  beschönigen  versuchten:  „Macht
mir  keine  Wippchen  vor!“  Wir  wußten,  daß  die
Fortsetzung  lautete:  „Denn  ich  bin  vom  Schillschen
Korps!“  —

Wenn's  Winter  geworden  war  und  wir  gegen
Dun  werden  mit  blaugefrorenen  Nasen  und  steifen
Fingern  vom  Schlittenfahren  oder  vom  Schneeballen
  heimkamen,  dann  drängten  wir  uns  vor  dem
dicken  Kachelofen  um  die  Mutter  zusammen.  Ach,
was  war  das  gemütlich!  Das  ganze  Zimmer  hinter
  uns  versank  in  Dunkel,  vor  uns  zeigte  uns  der
Ofen,  der  für  die  Nacht  noch  einmal  mit  Holz  und
Torf  gespeist  war,  durch  die  gzittevartig  dunchbrochene
  eiserne  Tür  die  Zähne,  hinter  denen  die
Glut  auf=  und  niederflammte.  Dann  wurden  die
Tageserlebnisse  besprochen,  Geschichten  erzählt  und
Lieder  im  Volkston  gesungen:  „Hier  sitz  ich  auf
Nasen  mit  Beilchen  bekränzt“,  „An  der  Quelle  saß
der  Knabe"“,  „Du  hast  Diamanten  und  Perlen“  und
ähnliche  aus  der  Zeit,  als  der  Großvater  die  Großmutter
  nahm.  Noch  mehr  als  diese  schwärmerischweichen
  Lieder  gefielen  uns  Buben  aber  die  Vaterlandslieder,
  die  noch  immer  dieselben  waren,  die
einst  die  Väter  in  und  nach  dem  Freiheitskampfe
begeistert  hatten:  „Was  blasen  die  Trompeten?  Husaren,
  heraus!“  und  bssonders  eins,  in  dem  die
Völlerschlacht  bei  Letpzig  mit  der  großen  Leipziger
Messe  verglichen  wurde,  auf  der  Napoleon  durch  den
Marschall  Blücher  alles  einbüßte.  Es  wurde  nach
der  Melodie  des  Krambambuli-Liedes  gesungen;  den
kräftigen  Rhytmus  pflegten  wir  zur  Erhöhung  der
dreude  mit  Händen  und  Füßen  noch  mehr  zu  be—
onen.

O  Leipzig,  beine  große  Messe,

Die  hat  mich  ganz  labet“)  gemacht.

Die  Nachwelt  wird  dir's  nie  vergessen,

Du  hast  mich  um  mein  Reich  gbebracht.

Glaub  ich  im  besten  Schlaf  zu  sein,

:„:  Fällt  mir  der  Marschall  Blücher  ein.  :#

*)  Gewöhnlich  sagt  man  jetzt  beim  Kartenspiel
„bet  machen“  aber  auch  in  dem  Krambambuli=Liede
  heißt  es  in  der  fünften  Strophe  „hat  mich
das  Spiel  labet  gemacht“.  Faire  la  bete  heißt

Unser  Deommerland

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Noch  unmittelbarer  lernten  wir  Kinder  den  Ernfi
und  die  Not  der  Franzosengeit  kennen,  wenn  die
Eltern  gelegentlich  über  die  teuren  Zeiten  und  die
hohen  Steuern  klagten.  Dabei  erwähnten  sie  auch
wohl  die  Kriegsschulden  aus  jener  Zeit,  zu  deren
Tilgung  das  arme  Landstädtchen  noch  immer  jährlich
  Tausende  von  Mark  aufzubringen  hatte.  Erst
viel  später,  im  Jahre  1892,  wurde  die  letzte  Rate
bezahlt.  —  —

1870.  Das  Jahr  fing  böse  an.  Eines  Tages
nahm  der  Vater  mich  an  der  Hand  und  führte  mich
zum  Gymmasium.  Ich  weiß  es  noch  wie  heute,  wie
unsäglich  bang  mir  ums  Herz  war,  als  ich  vor  dem
Herrn  Direktor  stand,  dessen  hohe  Gestalt  mir  damals
  übermenschlich  erschien.  Doch  gütig  beugte  sich
sein  von  langem,  schon  ergrautem  Haar  umwalltes
Gesicht  zu  mir  hernieder,  er  schloß  mein  zitterndes
Händchen  in  die  seine  —  ich  war  Vorschüler,  und
der  Ernst  des  Lebens  begann.  Aber  noch  konnte
ich  nicht  lesen,  da  ging  ein  Raunen  durchs  Land,
ernst  blickte  der  Vater,  wenn  er  mittags  heim  kam
und  der  Mutter  erzählte  von  Spanien  und  Frankreich,
  und  plötzlich  war  der  Krieg  da.

Meine  Eltern  wohnten  damals  auf  einem  der
vier  kleinen  Gütchen,  die  ursprünglich  hart  an  den
Ecken  der  Altstadt  gelegen  hatten  und  auch  jetzt  noch
gewisse  Sonderrechte  genossen,  obwohl  sie  äußerlich
völlig  in  der  Stadt  aufgegangen  waren.  Eines
Tages  kam  der  Sohn  des  Besitzers  heim,  um  Abschied
  von  seinen  Eltern  zu  nehmen.  Er  ließ  ihnen
einen  mächtigen  schwarzen  Neufundländer  da,  der
seinem  Namen  „Treu“  alle  Ehre  machte;  wochenlang
heulte  er  Nacht  für  Nacht  nach  seinem  Herrn,  und
am  Tage  lag  er  traurig  vor  seiner  Hütte,  wenn  wir
Kinder  uns  nicht  mit  und  auf  ihm  herumbalgten.

Die  ersten  Nachrichten  vom  Kriegsschauplatz:  die
Franzosen  haben  Saarbrücken  besetzt!!  Jammernd
standen  die  Nachbarinnen  zusammen,  und  die  Kinder
  im  Kreise  um  sie.  Aber  bald  kamen  Siegesbotschaften,
  und  die  bange  Sorge  wich  froher  Zuversicht.


Da  stürzte  eines  Morgens  unsere  Hauswirtin  —
ich  seh'  sie  noch  vor  mir  —  zu  meiner  Mutter  in
die  Küche  mit  wirrem  Haar  und  verzerrten  Zügen
und  schrie  wie  von  Sinnen,  daß  wir  Kinder  uns
ängstlich  hinausdrückten:  ihr  Einziger  war  bei  St.
Privat  gefallen.  Darum  hatte  auch,  so  wurde  uns
gesagt  oder  so  sagten  wir  uns  selbst,  sein  „Treu“
in  der  letzten  Zeit  so  besonders  anhaltend  und
kläglich  geheult.  Bald  wurden  nun  aus  dieser,  bald
aus  jener  Familie  (man  kannte  sie  in  dem  lleinen
Städtchen  ja  alle)  ein  Verwundeter,  ein  Toter  gemeldet.
  Aber  wir  Kinder  lebten  ja  in  dem  glückeigentlich

  „einen  dummen  Streich  machen“  oder  „stch
dumm  stellen““  es  wird  aber  von  den  Deuttschen
beim  Spiel  in  der  Bedeutung  „zum  Dummen  machen“
  gebraucht,  so  wie  bete  auch  die  Strafe  bezeichnet,
  die  „der  Dumme“  zu  zahlen  hat.  —  Wer
kennt  obiges  Lied  vollständig?