250 Viertes Buch. Die Zeit der Epigonen.
an Würde getadelt, zurückgesetzt in Monbijou. Denn jener
vermochte sich nicht den Liebesbanden zu entreißen, in die ihn
in jungen Jahren die schöne und geistig geweckte Tochter des
Musikers Enke geschlagen hatte. Durch ein Verhältnis, das er
mit ihrer älteren Schwester unterhielt, hatte er die erst drei—
zehnjährige Wilhelmine kennen gelernt. Zum Schein mit seinem
Kammerdiener Rietz verheiratet, wurde die zierliche, gewandte
und unterhaltende Person seine anerkannte Maitresse. Auch als
sie von dem entrüsteten alten König nach Charlottenburg ver—
wiesen war, dauerte das Verhältnis fort. Jetzt wurde „die
Rietz“ eine Macht. Wer Einfluß erstrebte oder Vorteile suchte,
mußte sie gewinnen. Ein Sohn, den sie geboren, wurde zum
Grafen von der Mark erhoben, sie selbst mit Gütern und Reich—
tümern überhäuft. Auch war sie klug genug, ihn nicht für
sich allein zu beanspruchen, sondern seine Gunst ruhig mit anderen
Schönen zu teilen. So überdauerte sie sowohl die schöne Julie
v. Voß, die als Gräfin Jugenheim im Frühjahr 1787 dem
König durch den liebedienerischen Hofprediger Zöllner zur linken
Hand angetraut wurde, unter Berufung auf das unwürdige
Zugeständnis, das Luther einst Philipp von Hessen gemacht
hatte, wie die Gräfin Sophie Dönhoff, die nach jener Tod im
Frühjahr 1790 dieselbe Stellung einnahm — wie Mirabeau
boshaft bemerkt, „die deutsche Art das Konkubinat zu edeln,
von verschmitzten Höflingen und gefälligen Priestern erfunden,
um den äußeren Anstand zu wahren“. Ja, 1794 wurde sie
zur Gräfin Lichtenau erhoben und erhielt die einem Gliede der
königlichen Familie gebührenden Ehren zugestanden.
Dergleichen war selbst in den bösesten Zeiten Friedrichs I.
nicht geschehen. Aber der Jubel, mit dem er, als der Ersehnte
und Vielgeliebte begrüßt und wegen seiner Güte und Herablassung
gepriesen, gegen das Andenken des großen Königs gleichsam
ausgespielt wurde, machte Friedrich Wilhelm glauben, es
genüge das Gegenteil von dem zu thun, was unter jenem üblich
gewesen, um ferneren Beifalls gewiß und der Beglücker seines
Volkes zu sein. Denn gutherzig und wohlmeinend war er,
auch beständig in einmal gefaßten Neigungen. Wie er sich
selbst keinen Genuß versagte, wollte er auch alle glücklich und