Full text : Kriegführung und Politik.

306  IX.  Der  Ausgang.

Unabhängig  von  den  Vorgängen  in  Berlin,  die  die  O.  H.  L.
nicht  klar  übersah'),  hatte  sie  sich  infolge  Verschärfung  der  Lage
an  der  Westfront  und  namentlich  infolge  des  Zusammenbruchs
Bulgariens  in  langwierigen  inneren  Kämpfen  zu  dem  schweren  Entschluß
  durchgerungen,  daß  dem  Feinde  ein  Friedens=  und  Waffenstillstandsangebot
  zu  machen  sei.  Um  die  gebotene  baldige  Klärung
der  Lage  herbeizuführen,  gab  es  keinen  anderen  Weg,  als  unmittelbar
  mit  ihm  in  Beziehung  zu  treten.  Alle  bisherigen  Versuche,  zum
Frieden  zu  kommen,  waren  ergebnislos  verlaufen.  Die  neutrale
Vermittlung  war  anscheinend  aufgegeben.  Dem  Feinde  war  nach
den  ungeschriebenen  Gesetzen  des  Krieges  unsere  Friedensbereitschaft
  klar  und  einwandfrei  mitzuteilen?").

Die  O.  H.  L.  hatte  die  Folgen  aus  dem  Verhalten  der  Politik
zu  ziehen,  die  den  Geist  des  Volkes  nicht  gestählt,  es  über  den  Vernichtungswillen
  des  Feindes  getäuscht,  dem  Heere  nicht  das  Mögliche
gegeben  und  die  Kriegführung  nicht  unterstützt  hatte.

Die  O.  H.  L.  teilte  am  29.  September  früh  dem  Staatssekretär
des  Auswärtigen  Amtes,  den  sie  nach  Spa  gebeten  hatte,  diese  Anschauungen
  mit.  Sie  hielt  für  selbstverständlich  und  betonte  es  ihm
gegenüber,  daß  wir  für  unsere  Ehre  und  unser  Leben  weiterzukämpfen
  hätten,  falls  wir  nur  einen  Frieden  erhalten  könnten,  wie
seinerzeit  Karthago  von  Rom.  Auch  der  Vertreter  der  O.  H.  L.
sprach  sich  den  Abgeordneten  gegenüber  am  2.  Oktober  dahin  aus:

„Gleichzeitig  mit  dem  Friedensangebot  muß  eine  geschlossene
Front  in  der  Heimat  erstehen,  die  erkennen  läßt,  daß  der  unbeugsame
  Wille  besteht,  den  Krieg  fortzusetzen,  wenn  der  Feind  uns
keinen  Frieden  oder  nur  einen  demütigenden  Frieden  geben  will.

„Sollte  dieser  Fall  eintreten,  dann  wird  das  Durchhalten  des

*)  Die  Ansicht,  die  O.  H  L.  habe  am  28.  früh  der  Einführung  der  parlamentarischen
  Regierungsform  zugestimmt,  ist  unrichtig.  Ihre  Vertreter  waren
oon  den  Vorgängen  in  Berlin  nicht  einmal  voll  unterrichtet.  Als  ihr  mitgeteilt
wurde,  eine  innere  Zuspitzung  der  Lage  könne  durch  die  weitere  Aufnahme
einiger  Parlamentarier  in  Staatssekretär=  und  Unterstaatssekretärposten  abgewandt
  werden,  hielt  sie  ein  Beschreiten  dieses  Weges  durch  den  Reichskanzler
diesem  gegenüber  für  richtig.

**)  Die  Ausstreuungen,  ich  habe  im  Nervenzusammenbruch  gehandelt,  sind

unwahr,  auch  ist  nicht  richtig,  von  einem  jähen  Stimmungswechsel  der  O.  H.  L
zu  sprechen.