146 Die türkische Frage vom staatswissenschaftlichen Standpunkt. 418
die Einverleibung der Türkei in das Gesammtleben Europa's ihre ganze
west-östliche Entwickelung unter europäischer Gewährleistung frei von den
willkührlichen und rechtlosen Elementen der türkischen Herrschaft blieb;
denn in der That, um diese und nicht um Ländererwerb handelte es sich
und handelt sich für die Zukunft in dem großen Proceß der die alte
Türkei endlich unerbittlich vernichtet.
So waren die elementaren Faktoren, welche aus dem rusffischen Kriege
hervorgingen, das Gesammtbewußtsein Europa's an sich, die Interessensphären
der einzelnen Staaten und die Vertheilung und Aufstellung der neuen
Staatenbildung, welche jener welthistorische Proceß nicht etwa vollendet,
sondern begonnen hat. Und jetzt trat das letzte Element hinzu, das bisher
all'“ jenen Dingen mit einer fast unbegreiflichen Ruhe zugeschaut hatte.
Das war das Deutsche Reich.
Der Deutsche ist Alles in der Welt was man will, aber es scheint
in der That als ob er absolut kein Staatsmann ist. Es ist die entscheidende
Eigenthümlichkeit des deutschen Volkes, daß es fast alle Dinge begreift
die sich wissenschaftlich oder künstlerisch formuliren lassen, daß es aber
mit einer fast souveränen Indifferenz dem großen Proceß der Staatenbildung
der Welt zuschaut, fast als lebte es selbst nicht darin, sondern als
hätte es und seine Geschichtschreiber und Philosophen der kommenden Zeit
nur zu berichten über Das, was geschehen. Kein Volk der Welt weiß so
viel Geschichte und macht so wenig, als das deutsche. In der That liegt
diese seine Eigenschaft keineswegs im Mangel an Freiheit oder an Volksvertretung.
Gar kein Volk der Welt hat auch nur annähernd so viele
ganz freie Vertretungen wie dies deutsche Volk; vertheilt man die Zahl
seiner Volksvertreter auf den Kopf der Bevölkerung, wie man etwa Zeitungen,
Steuern, Spiritus= oder Bierkonsum oder Geldumlauf vertheilt, so
ergibt sich im Vergleich mit England und Frankreich, daß auf den Kopf
in Deutschland 50 Procent mehr Volksfreiheit in diesem Sinne entfällt, als
in diesen Ländern der höchst ausgebildeten Verfassung. Wenn die letzteren
es wären welche ein Staatsbewußtfein geben, so müßte Deutschland mindestens
das Dreifache von dem letzteren gegenüber seinen Nachbarn besitzen. Allein
alle diese schönen Gestaltungen des öffentlichen Lebens erfüllen sich jahraus
jahrein höchstens mit streng juridischen und administrativen Fragen und
Debatten, in denen die Deutschen Meister sind und über alle anderen
Bölker der Welt weit hervorragen. Wo es sich dagegen um europäische
Angelegenheiten handelt, da ist das deutsche Volk als solches für Europa,
ja für sich selber kaum vorhanden. Und eine fast wunderbare Erscheinung
ist es, daß dasselbe in seiner höchsten Vertretung sich nicht einmal dazu
aufgeschwungen hat, auch nur eine Vorlage seiner höchsten Regierung über
ihre Politik zu fordern, während rund um dasselbe herum kein Parlament
sich befriedigen würde, wenn ihm sein Ministerium nicht sein Blauoder
Rothbuch vorlegen würde. Es mag wohl sein, daß der historische
Grund dafür der Mangel an transatlantischen Verbindungen ist, welche
durch ihre eigene Natur eine größere, das Staatenleben der Welt umfassende
Auffassung nicht etwa blos bei den Staatsmännein, sondern bei
jedem Einzelnen erzeugt und fie dadurch in Vertretung und Literatur zum
Ausdruck bringt. Es mag auch sein, daß die centrale Lage Deutschlands.