Full text : Großherzoglich Sachsen Weimar-Eisenachisches Regierungs-Blatt aufs Jahr 1828. (12)

Anschauungen  und  Überzeugungen  der  Massen.  61

denen  man  wie  den  Reliquien  der  Heiligen  die  übernatürliche
Macht  zuschreibt,  Glück  zu  stiften.  In  gewissem  Sinne  könnte
man  also  sagen,  die  Institutionen  wirken  auf  die  Massenseele,
da  sie  solche  Erhebungen  veranlassen.  In  Wahrheit  aber  sind
es  nicht  die  Institutionen,  die  so  wirken,  denn  wir  wissen,  daß
sie,  sieghaft  oder  besiegt,  an  sich  keinerlei  Kraft  besitzen.  Was
auf  die  Massenseele  wirkte,  waren  Illusionen  und  Worte;  besonders
  aber  Worte,  jene  leeren  und  dabei  machtvollen  Worte,
deren  wunderbare  Herrschaft  wir  bald  dartun  werden.

§  5.  Erziehung  und  Unterricht.

Unter  den  herrschenden  Ideen  einer  Epoche,  deren  kleine
Zahl  und  —  trotzdem  sie  oft  pure  Illusionen  sind  —  große
Kraft  wir  hervorgehoben  haben,  nimmt  heute  den  ersten  Rang
die  Anschauung  ein,  daß  der  Unterricht  die  Menschen  erheblich
  zu  verändern  vermag  und  deren  Verbesserung  und  sogar
Gleichmachung  zum  sicheren  Ergebnis  hat.  Bloß  durch  seine
Wiederholung  ist  dieser  Satz  schließlich  eines  der  unerschütterlichsten
  Dogmen  der  Demokratie  geworden,  und  es  ist  ebenso
schwer,  es  anzutasten,  als  es  sich  einst  mit  den  kirchlichen
Dogmen  verhielt.

In  diesem  wie  in  vielen  anderen  Punkten  aber  hat  sich  ein
großer  Zwiespalt  zwischen  den  demokratischen  Ideen  und  den
Tatsachen  der  Psychologie  und  der  Erfahrung  herausgestellt.
Mehrere  hervorragende  Philosophen,  unter  anderen  auch  Herbert
  Spencer,  konnten  leicht  dartun,  daß  der  Mensch  durch
den  Unterricht  weder  sittlicher  noch  glücklicher  wird,  daß
durch  ihn  seine  Instinkte  und  Grundtriebe  nicht  abgeändert
werden,  daß  der  Unterricht  oft,  wenn  schlecht  geleitet,  mehr
Schaden  als  Nutzen  bringt.  Die  Statistiker  bestätigten  diese
Ansicht,  indem  sie  zeigten,  daß  die  Kriminalität  mit  der  Verbreitung
  des  Unterrichts  oder  wenigstens  einer  gewissen  Art
des  Unterrichts  zunimmt,  daß  die  schlimmsten  Feinde  der  Gesellschaft,
  die  Anarchisten,  sich  oft  aus  den  Laureaten  der  Schule
rekrutieren.  In  einer  neuen  Arbeit  hat  ein  hervorragender  Be-