Contents : Meyers Großes Konversations-Lexikon. Erster Teil. (1)

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nicht  fehlen  dürfe,  daß  er  daher  gegen  die  Kriegsnöte
rechtzeitig  gestützt  werden  müsse.

Eine  Kht  von  Maßnahmen  bezweckten  Hilfeleistung
  sowohl  für  Mieter  und  Hausbesitzer  wie  gegenüber
  Hausbesitzern  und  O-otheenglaubigern  (vgl.
Artikel-Kriegsnotgesetze-,  S.  389).  Ein  weiteres  Gebiet
  betrifft  die  Kreditnot.  Ihr  steuerten  Kriegseinrichtungen
  wie  die  Reichsdarlehnskassen,  bundesstaatliche
Beleihungskassen  für  sichere  Hypotheken,  die  Berliner
Kriegsbeleihungskasse  für  nachstellige  Hypotheken,  die
Kriegskreditbanken,  ferner  die  Kreditgenossenschaften,
die  Landesversicherungsanstalten  usw.  Auch  auf  dem
Arbeitsmarkt  erfolgte  eine  Kriegshilfe  zugunsten  des
Mittelstandes  teils  durch  gegenseitige  Standesbilfe,
teils  durch  Zusammenschluß  des  Handwerks  zu  Lieferungsverbänden,
  durch  besondere  Berücksichtigung
des  Handwerks  bei  staatlichen,  kommunalen  und
Heereslieferungen.  Besondere  Provinzialkriegshilfskassen
  suchten  den  Kriegsteilnehmern  aus  dem  Mittelstande
  bzw.  deren  Angehörigen  die  Wiederherstellung
oder  Erhaltung  ihrer  geschäftlichen  Lebensstellung
(durch  Darlehen  usw.)  zu  erleichtern.  Für  die  Festbesoldeten
  des  mittleren  Beamtenstandes  und  der
Lehrerschaft  brachten  Kriegsteuerungszulagen  einen
gewissen  Ausgleich.  Zugunsten  der  in  Bedrängnis  geratenen
  Angehörigen  freier  Berufe  (Künstler,  Schriftsteller
  usw.)  wirkt  private  Wohlfahrtspflege,  zum  Teil
durch  staatliche  Mittel  gefördert.

Kriegssozialpolitik  zugunsten  der  Bolksernährung.
  Schon  im  Frieden  war  die  Lebensmittelversorgung
  unseres  Volkes  nicht  bloß  eine  wirtschaftspolitische
  Aufgabe,  sondern  hatte  starken  sozialpolitischen
  Einschlag.  Es  gehört  zu  einer  erfolgreichen
wirtschaftlichen  Festigung  der  breiten  Massen  auch
eine  richtige  Ernährung,  die  bei  ihrer  Bedeutung  für
Gesundheit,  Wachstum,  Leistungsfähigkeit  und  Militärtauglichkeit
  des  Volkes  so  gestaltet  fein  muß,  daß
sie  die  Grundlagen  zur  Erhaltung  eines  kräftigen
Körpers  bietet.  Bedingung  ist  dabei  nicht  nur  der
erforderliche  Lohn  für  die  notwendigen  Lebensmittel,
sondern  auch  das  Vorhandensein  der  Lebensmittel
in  entsprechender  Güte,  zu  entsprechendem  Preis  und
in  entsprechenden  Vorräten,  ferner  aber  auch  eine
angemessene  hauswirtschaftliche  Bildung.

In  der  Richtung  dieses  Zieles  bewegte  sich  unsere  bisherige
  heimatliche  Produktionspolitikund  unsereäußere
Zollpolitik,  ferner  die  lohnpolitische  Tätigkeit  der  Gewerkschaften,
  die  die  Verbraucher  gegen  minderwertige
und  gehaltlose  Erzeugung  schützende  Lebensmittelpolizei
  sowie  die  sonstigen  Maßnahmen  von  Reich,
Staat  und  Kommunen  auf  dem  Gebiete  der  Einfuhrerleichterung,
  Preisregelung,  des  An-  und  Verkaufs
von  Nahrungsmitteln,  der  Förderung  des  Fischverzehrs,
  der  Pflege  der  hauswirtschaftlichen  Belehrung.

Der  Krieg  erhöhte  die  Notwendigkeit  einer  zielbewußten
  Ernährun  spolitik.  Es  stellten  sich
gegenüber  einer  augreichenden  Ernährung  des  Volkes
individuelle  wie  generelle  Schwierigleiten  ein.  Diese
auf  das  geringstmögliche  Maß  zu  beschränken,  gebot
schon  das  Interesse  an  einer  höchgemuten  Stimmung
der  Daheimgebliebenen,  deren  Wille  und  Fähigkeit
zum  Durchhalten  den  draußen  Kämpfenden  die  Bedingungen
  des  Erfolges  schaffen  und  sichern.

Zur  Überwindung  der  individuellen  Schwierigkeiten
  —  des  Mangels  gewisser  Personenkreise  an
den  erforderlichen  Mitteln  zur  Bestreilung  des  notwendigen
  und  verteuerten  Lebensbedarfs  —  war  die
Kriegsfürsorge  von  Beginn  des  Krieges  an  darauf

V.  Recht  und  Volkswirtschaft

bedacht,  die  Bedürftigen  nicht  bloß  mit  Geld,  sondern
auch  mit  Naturalien  zu  unterstützen.  Zu  dem  Zweck
haben  die  Gemeinden  vielfach  besondere  Vorräte  an
Lebensmitteln  für  die  Minderbemittelten  bereitgestellt
und  abgegeben.  Fahrbare  Küchen,  Volksküchen.
Mittelstandsküchen,  Suppenanstalten,  Schulspeisungen,
  die  allenthalben  eingerichtet  wurden,  leisteten
ersprießliche  Dienste.

Zu  den  individuellen  Ernährungsschwierigkeiten
brachte  der  Weltkrieg  noch  generelle  Schwierigkeiten.
England  hat  den  Krieg  gleichzeitig  zu  einem  wirtschaftlichen
  Krieg  gegen  Deutschland  gesteigert  und
hat  alle  denkbaren,  völkerrechtswidrigen  Maßnahmen
getroffen,  um  eine  Aushungerung  des  deutschen
Volkes  zu  erreichen.  Deutschland  verstand  es  aber,
diesen  Plan  zuschanden  zu  machen,  teils  durch  enmaßnahmen
  unseres  Unterseebootkriegs,  die  den  Engländern
  selber  die  Versorgung  erheblich  erschweren,
teils  durch  wirtschaftliche  Mobilmachung  unserer
Heimat.  Die  wichtigsten  Gegenstände  des  täglichen
Bedarfs  haben  wir  einer  organisierten  Einteilung
und  Verteilung,  einer  Verbrauchsbeschränkung,  einer
Preisfestlegung,  einer  Zentralisation  der  Einfuhr
vom  Ausland  unterworfen  und  zugleich  die  Produktion
  seiner  Lebensmittel  gesteigert  und  sichergestellt.
Der  große  Verbrauch  hat  damit  die  kriegsmäßigen
Formen  gefunden.  Die  nötige  Einschränkung  umfaßt
alle  und  ermöglicht  uns  das  Durchhalten  im  Wirtschaftskampfe.
  —  Wegen  der  einschlägigen  Einzel.
maßnahmen  sei  auf  die  am  Ende  dieses  Teiles  befindlichen
  Artikel  über  die  Nahrungsmittelversorgung,
S.  423  ff.,  verwiesen!.

Der  in  diesen  Maßnahmen  liegende  Kriegssozialismus
  ist  übrigens  nur  Kriegsnotwendigkeit,  bedeutet
keine  grundsätzliche  Neuorientierung  unseres  Wirtschaftesystems
  und  kann  nicht  als  Einaeium  einer
sozialistischen  Staatsentwicklung  gedeutet  werden.

IV.  Gesamteindruchk  der  Kriegssozialpolitik.

Zweifellos  ist,  daß  das  deutsche  Volk  die  hohe  staatsbürgerliche
  Reife,  mit  der  es  im  Frieden  seine  sozialen
Pflichten  auffaßt  und  erfüllt,  auch  in  der  jetzigen  Feuerprobe
  der  nationalen  Nervenkraft  aufs  beste  bewährt.
Diese  Kriegssozialpolitik  und  Kuiegswohifchrespflege
legen  zugleich  beredtes  Zeugnis  ab  von  der  begeisterten
  stahlharten  Entschlossenheit,  mit  der  Deutschland
seinen  Willen  zum  Sieg  wie  auf  militärischem  und
wirtschaftlichem  so  auch  auf  sozialem  und  kulturellem
Gebiet  in  Siegesgewißheit,  in  die  Tat  umsetzt.
Sie  ist  selbst  starke  Wehr  und  hochbedeutsamer
Siegesfaktor  geworden.
Das  politische  Ziel,  das  uns  der  jetzige  Krieg  aufwingt,
  ist  Machtbehauptung  und  Machtgewinnung.

ereits  winkt  uns  in  aufgehender  Morgenröte  das
neue,  noch  mächtigere  Deutschland.  Soll  es  Bestand
haben,  muß  auch  dieses  von  starken  sozialen  Grundfesten
  getragen  werden.  Denn  es  braucht  zur  Vervielfältigung
  seiner  Arbeitsfähigkeit  viel  Menschen.
braucht  viel  Qualitätsmenschen,  allesamt  beseelt  von
starkem  Nationalbewußtsein,  durchdrungen  von  deu
gemeinsamen  Streben,  daß  unsere  gefestigte  und  erweiterte
  nationale  Produktion  sich  im  Wettkampf  mit
anderen  uns  feindlich  gegenüberstehenden  Produktionen
  behaupte  und  durchsetze.

Darum  muß  und  wird  die  Sozialpolitik  auch  künf-1

  Bgl.  serner  F.  Zahn,  Kriegsernährungspolink  An  den
„  Annalen  den  Deutschen  Reiches#  1916,  S.  272).