296 VIII. Außenpolitik und Stellung der Kriegführung zu den Friedensfragen.
an den Sieg geglaubt und in vollem Bewußtsein ihrer Verant—
wortung gehandelt, im übrigen aber dem Reichskanzler über ihre
Friedensbereitschaft keinen Zweifel gelassen. Sie hat die Pflicht in
sich gefühlt, den Sieg zu erringen. Daß durch einen Sieg allein der
Vierbund zusammenzuhalten war, Deutschland vor der Vergewal—
tigung durch seine Feinde und vor der Revolution bewahrt worden
wäre, wird heute niemand bezweifeln. Er braucht nur an die
Politik des Feindes vor, in und nach dem Kriege, an die politischen
Ziele der Mehrheitsparteien und an die revolutionäre Propaganda
zu denken, die die Unabhängige Sozialdemokratie, die Bolschewisten
und die Entente bei uns betrieben haben. Er hat sich die stille
Begünstigung, die die Unabhängige Sozialdemokratie unter den
Mehrheitsparteien fand, zu vergegenwärtigen, und nicht zuletzt die
Lauheit des Bürgertums, das willig vor dem Umsturz das Feld
räumte.
Was hätte die Politik getan, wenn im Mai oder Juni die
O. H. L. erklärt hätte, die Lage sei hoffnungslos? Würde sie
anders gehandelt haben, als sie es getan hat? Hätte sie in Hoffnung
auf den Sieg irgendeine Friedensmöglichkeit nicht ausgenutzt oder
sich auch sonst irgendwie zu wenig um den Frieden bemüht? Ich
glaube, sämtliche Fragen können verneint werden. So war es aber
nicht nur im Sommer 1918, so war es auch in den früheren Kriegsjahren
gewesen. Es bleibt wahr, was Wilson am 27. September
1918 gesagt hat: „Deutschland gibt uns fortwährend Bedingungen
zu verstehen, die es anzunehmen bereit ist, und entdeckt jedesmal.
daß die Welt keine Friedensbedingungen will. Sie will den endgültigen
Triumph der Gerechtigkeit und Billigkeit.“ Was es mit
dieser Gerechtigkeit auf sich hatte, ahnten damals viele, jetzt wissen
es die meisten Deutschen.
Ahnlich wie Wilson äußerte sich Graf Czernin in seiner bekannten
Rede vom 11. Dezember 1918: „Wir hatten öfter den Eindruck,
daß wir imstande seien, einen Separatfrieden ohne Deutschland
schließen zu können. Niemals wurde uns vor allem erklärt,
daß Deutschland seinen vorkriegerischen Besitzstand werde behalten
können. Dadurch, daß die Entente immer erklärte, sie wolle