Full text : Fürst Bülows Reden. 3. Band 1907-1909. (3)

400  Fünftes  Buch.  Der  Zusammenbruch.

getreten  wie  damals.  Eine  Darstellung  der  Schlacht  bei  Auerstädt,
  die  er  gleich  danach  aufsetzte,  überrascht  durch  Ruhe  und
Objektivität.  Er  behandelt  die  Vorgänge,  die  das  Schicksal
seines  Staates  entschieden,  wie  ihm  ganz  fremde,  mit  einem
an  Apathie  grenzenden  Gleichmut.  Er  beweist  dabei  treffendes
Urteil,  tröstet  sich  aber  schließlich:  „Also  brav  ist  man  doch
im  ganzen,  gottlob,  gewesen,  allein  nicht  glücklich.“  Damit
war  für  ihn  die  Sache  erledigt.  Der  Krieg,  zu  dem  ihn  die
Verhältnisse  genötigt,  hatte  sich  als  verfehlt  erwiesen:  also  gab
er  ihn  auf  und  kehrte  zu  der  so  ungern  verlassenen  Politik
des  Friedens  und  der  Freundschaft  mit  Frankreich  zurück.  Hatte
er  doch  am  Morgen  des  14.  endlich  eine  vom  12.  aus  dem
Lager  bei  Gera  datierte  Antwort  auf  das  am  27.  September
an  Napoleon  gerichtete  Schreiben  (S.  394)  erhalten.  Seine
Niederlage,  hieß  es  darin,  sei  unabwendbar:  noch  aber  könne
er  ungeschlagen  seinem  Range  gebührend  verhandeln.  Er  sei
irre  geleitet:  noch  könne  er  seine  Unterthanen  vor  den  Schrecken
des  Krieges  bewahren  und  sich  den  Dank  Europas  verdienen.
Solche  Worte  fanden  bei  ihm  jetzt  vollends  ein  offenes  Ohr.
Es  war  ihm  aus  der  Seele  gesprochen,  wenn  der  Kaiser  Menschenblut
  zu  sparen  wünschte.  Es  traf  den  Kern  seiner  politischen
  Ueberzeugung,  wenn  jener  erklärte,  seiner  geographischen
Lage  nach  brauche  Preußen  nicht  Frankreichs  Feind  zu  sein.
Noch  am  15.  Oktober  schrieb  er  an  den  Kaiser  und  erbat  einen
Waffenstillstand  und  Mitteilung  der  Friedensbedingungen:  er
wolle  allem  zustimmen,  was  ihn  mit  dem  Kaiser  dauernd  vereinigen
  könne.  Jenes  Seelenadel  und  Loyalität  bürge  ihm
dafür,  es  werde  nichts  gegen  seine  Ehre  und  die  Sicherheit  seiner
Staaten  verlangt  werden.  So  blieb  er  in  dem  Streben  nach
Freundschaft  mit  Frankreich  und  aus  Abneigung  auch  gegen
den  gerechtesten  Krieg  in  der  Beurteilung  Napoleons  ein  unverbesserlicher
  Optimist.  Furchtbar  sollten  ihn  die  nächsten  Wochen
über  dessen  wahren  Charakter  aufklären!

Wie  dieser  die  Bedeutung  des  Doppelsieges  übersah,
schweiften  seine  Pläne  alsbald  ins  Ungemessene.  Alle  diesseits
der  Weichsel  gelegenen  Lande  sollte  Preußen  verlieren  und
110  Millionen  Franken  Kriegsstenern  zahlen.  Sachsen  zog  er