Full text : Großherzoglich Sachsen Weimar-Eisenachisches Regierungs-Blatt aufs Jahr 1836. (20)

L

gezogen,  8  Bataillone  (6  badische,  ein  7er  und  Landwehr  Eupen).  Um  4½  Uhr  erfolgte  der  Aufbruch,  doch
eine  überraschte  Feldwache  alarmierte  Ehrnebier.  Zwar  drangen  die  Vadener  in  der  entstandenen  Verwirrung
von  Süden  her  ein,  aber  nur  die  Hälste  des  Dorfes  flel  ihnen  zu.  Auch  in  dem  nördlich  anstoßenden  Gehölz
des  Evants  wehrten  sich  die  Fraugosen  gegen  die  Eupener,  lu  der  noch  herrschenden  Finsternis  gerieten  die  Kämpfenden
  durcheinander.  Beim  ersten  Morgenlicht  sahrn  dle  Deulschen  so  starke  Streithaufen  aurlcken,  daß  sie
zurückgingen.  Um  9  Uhr  befahl  Degenfeld  nochmals  allgemeinen  Angriff.  Die  Deutschen  nehmen  in  zweistündigem
  Waldgefecht  das  Gehölg,  aber  das  stark  verbarrikadierte  Chenebier  spottet  aller  Anstrengung.  Man  muß
sich  begnügen,  die  Annäherung  des  Feindes  an  Belfort  zu  hindern,  und  das  gelingt,  weil  die  Franzosen,  selber
eine  Umgehung  fürchtend,  nicht  mehr  vorstießen  und  matt  waren.  Bourbaki  hatte  den  Plan  auf  seinen  linken
Flügel  gebaut,  und  als  dieser  versagte,  ließ  er  nur  noch  die  Artillerie  weiter  spielen  und  kleinere  Kämpfe  eingehen;
  er  selbst  wie  seine  Unterfeldherren  überzeugten  sich,  daß  die  ermüdeten,  hungernden  und  frierenden  Leute
nicht  weiter  kämpfen  konnten.  Er  begann  daher  langsam  und  vorsichtig  den  Abzug,  auf  dem  seine  Truppen  den

«  nachrückenden  Deutschen  noch  hartnäckige  Gefechte  lieferten.  Die  Dörfer  und  Wälder

lagen  voll  von  Verwundeten  und  Erschöpften.

Landwehr-Bataillon  Graudenz  bei  Hericourt,
16.  Jonuar  1671.

Die  dreitägige  Schlacht  an  der  Lisaine,  die  einzige,  die  lediglich  in  der  Verteidigung  verlief,  gehört  zu  den
denkwürdigsten  Ereignissen  des  Feldzuges.  Kaiser  Wilhelm  telegraphierte  am  20.  Januar  dem  siegreichen  Heerführer:
  „Ihre  heldenmütige,  dreitägige,  siegreiche  Verteidigung  Ihrer  Position,  eine  belagerte  Festung  im  Rücken,
ist  eine  der  größten  Waffenthaten  aller  Zeiten.  Ich  spreche  Ihnen  für  Ihre  Führung,  den  tapferen  Truppen
für  ihre  Hingebung  und  Ausdauer  meinen  königlichen  Dank,  meine  höchste  Anerkennung  aus  und  verleihe  Ihnen  das
Großkreuz  des  Roten  Adlerordens  mit  Schwertern  als  Beweis  dieser  Anerkennung.  Ihr  dankbarer  König  Wilhelm.“

Das  Lob  aus  kaiserlichem  Munde  hatten  alle,  die  an  dieser  Schlacht  teilnahmen,  wohl  verdient,  Führer  wie
Truppen.  Werder  gab  einen  glänzenden  Beweis  höchster  Feldherrnkunft,  die  Untergebenen  führten  seine  Anordnungen
  mit  mustergültiger  Standhaftigkeit  aus.  Sie  hatten  vielleicht  noch  Schwereres  zu  ertragen  als  ihre
Kameraden  an  der  Loire.  Die  Landschaften,  die  sie  so  lange  Wochen  kreuz  und  quer  durchstreiften,  waren  ärmlich
und  schnell  erschöpft.  Hier  traf  man  selten  einen  reicheren  Ort,  der  lange  Entbehrungen  vergessen  ließ.  Die
Nachfuhr  von  rückwärts  auf  ungünstigen,  von  Franctireurs  gefährdeten  Straßen,  fern  von  den  Eisenbahnen,  konnte
nicht  den  Bedürfnissen  Genüge  thunz  fie  reichte  kaum  für  die  Munition  aus.  Jede  Verbindung  mit  der  Heimat
war  notdürftig,  Briefe  kamen  selten  und  spät  an,  und  die  ersten  Liebesgaben  erreichten  erst  nach  Weihnachten  die
ihrer  so  vorwiegend  Bedürftigen.  Tagelang  gab  es  kaum  eine  harte  Brotkrume;  selbst  während  der  Schlacht
an  der  Lisaine  mußten  die  Kämpfer  hungern.  Von  Labung,  von  Wein  oder  gar  Bier  war  hier  nicht  die  Rede,