Full text : Zu Bismarcks Gedächtnis.

Vier  Briefe  über  Bismorcks  socialpolit.  u.  volkswirtschaftl.  Bedeutung.  41

vielleicht  noch  Jahrzehnte,  vielleicht  noch  länger  in  kleinlichen  Versuchen,
in  versumpfenden,  kümmerlichen  Anläufen,  in  schiesen  Nachahmungen  des
freiwilligen  englischen  Kassenwesens  stecken  geblieben.  Bismarck  hat  den
Kaiser  für  seine  Pläne  nicht  schwer  gewonnen,  die  deutsche  Wissenschaft
stand  in  der  Mehrheit  wohl  auf  seiner  Seite,  einige  hochstehende  Großindustrielle
  ebenso;  aber  die  Masse  des  Volkes,  der  Arbeitgeber  wie  der
Arbeiter,  stand  den  Plänen  halb  mißtrauisch,  halb  widerwillig  gegenüber;
  die  öffentliche  Meinung  war  lange  nicht  reif  für  die  Bismarcksche
Art  der  Lösung  des  Problems;  in  Parlament  und  Bundesrat  waren
große  Schwierigkeiten  zu  überwinden.  Nur  sein  Feuergeist,  sein  Mut
und  seine  Energie  fanden  den  rechten  Weg  und  halfen  über  alle  Hindernifse,
  Stockungen  und  Verschleppungsversuche,  über  alle  Intriguen  und
Zweifel  hinweg.  Als  ich  1882  nach  Berlin  kam  und  öfter  gerade  auch
den  maßgebenden  höheren  Beamten  meinen  Zweifel  nicht  über  das
Prinzip,  sondern  über  die  Raschheit  des  Vorgehens,  das  Nichtabwarten
des  Gelingens  der  ersten  Schritte  äußerte,  wurde  mir  immer  die  Antwort:
  Wenn  nicht  der  ganze  Hochdruck  von  Bismarcks  Riesenkraft  daran
gesetzt,  wenn  die  Sache  nicht  erledigt  wird,  so  lange  er  lebt  oder  Kanzler
ist,  so  können  hundert  Jahre  vergehen,  bis  wieder  einer  kommt,  der  die
Widerstände  Üüberwindet.  Und  das  Alters--  und  Invalidengesetz  wäre  ja
auch  ums  Haar  an  der  Opposition  der  östlichen  Großgrundbesitzer  gescheitert!).
  Die  Mehrzahl  der  großen  Industriellen  hat  ihre  Abneigung

1)  Die  Kreuzzeitung  vom  23.  September  1898  glaubt  in  dem  obigen  Sa#e
eine  tendenzidse  Animosität  gegen  die  östlichen  Großgrundbesitzer  zu  sehen,  die  ich
bei  jeder  Gelegenheit  zeige.  Ich  glaube,  der  Autor  des  betreffenden  Artikels  verwechselt
  mich  da  mit  einigen  anderen  Gelehrten,  mit  eben  den  Socialpolitikern,
welche  mir  und  einigen  meiner  Schüler  eine  zu  starke  Vorliebe  für  diese  Klasse
der  Gesellschaft  vorwerfen.  Ich  habe  deren  gute  politische  Eigenschaften  und  Verdienste
  stets  anerkannt,  ihre  Fehler  und  Schwächen  nie  so  herb  getadelt,  wie  die
größten  Konservativen  der  neuern  Zeit  selbst:  Noon,  Bismarck,  Geh.  Nat  Wagener.
Was  in  dem  Artilel  der  Kreuzzeitung  gegen  mich  vorgebracht  ist,  nämlich,  daß  von
76  konservativen  Abgeordneten  64  in  der  Schlußabstimmung  für  das  Alters-  und
Invalidengesetz  gestimmt  haben,  daß  Freifinnige,  Centrum,  Socialdemokraten  dagegen
  waren,  daß  Herr  von  Manteuffel=  Krofsen  die  Konservativen  ermahnte,  für
das  Geseyz  zu  stimmen,  —  all  das  wußte  ich  wohl.  Es  beweist  aber  nicht  gegen
mich.  Was  ich  behauptet  habe  und  behaupten  wollte,  ist,  daß  die  Mojorität  für
das  Gesey  ohne  den  Hochdruck  Bismarcks  und  der  Regierung  auf  die  Konservativen
nicht  erlangt  worden  wäre,  weil  eben  von  den  64  eine  Anzahl  hauptsächlich
östlicher  Konservativer  unsicher  waren.  Was  ich  im  Auge  hatte,  war  die  große
Rede  Bismarcks  vom  18.  Mai  1889,  worin  er  die  Konserwativen  und  ihre  Redner
mit  leidenschaftlicher  Beredsamkeit  beschwört,  ihn  nicht  zu  verlassen:  er  ruft  ihnen
zu:  „es  thut  mir  in  der  Seele  weh,

daß  ich  dich  in  der  Gesellschaft  seh',“