274 Vortrag des Lyrischen.
Allmächtiger Gott, wie wohl ist's einem unter deinem Himmel,
wie frei! Die Bäume treiben Knospen und alle Welt hofft! Lebt wohl.
meine Lieben; — meine Wurzeln sind abgehauen — meine Kraft sinkt
nach dem Grabe. —
An unserm Hochzeitstage — Elisabeth — ahnte mir's nicht daß
ich so sterben würde. — Mein alter Vater segnete uns und eine Nachkommenschaft
von edlen, tapfern Söhnen quoll aus seinem Gebete. — Du
hast ihn nicht erhört — und ich bin der letzte. — Lerse, dein Angesicht
freut mich in der Stunde des Todes mehr, als im mutigsten Gefechte. —
Damals führte mein Geist den eurigen — jetzt hältst du mich aufrecht —
Ach daß ich Georgen noch einmal sähe, mich an seinem Blick wärmte. —
Ihr seht zur Erde und weint — er ist tot — Georg ist tot — stirb
Götz, du hast dich überlebt, die Edlen überlebt. Er war der beste Junge
unter der Sonne — und tapfer. Löse meine Seele nun. Arme Frau, ich
lasse dich in einer verderbten Welt. — Lerse, verlaß sie nicht! Schließt
eure Herzen sorgfältiger, als eure Thore. Es kommen die Zeiten des
Betrugs, es ist ihm Freiheit gegeben. Die Nichtswürdigen werden regieren
mit List — und der Edle wird in ihre Netze fallen. Selbitz starb —
und der gute Kaiser — und mein Georg — gebt mir einen Trunk
Wasser — Himmlische Luft — Freiheit — Freiheit. —
Und wenn du noch diese Stätte hier umschwebst — Geist meiner
Geliebten — so vergieb mir — ich komme, ich komme! Sagt mir:
vergab sie mir? Wie starb sie? Ich will ihr nach und ihr euren Abschied
bringen.
Höre mich, Karlos, du siehst hier die Opfer deiner Klugheit — und
nun — um des Blutes willen, in dem mein Leben unaufhaltsam dahinfließt
— rette meinen Bruder — deine Hand darauf! Sie haben mir
vergeben — und so vergeb'ich dir. Ich habe ihre Hand, ihre kalte Totenhand!
Du bist die meinige — und noch diesen Händedruck — oh! —
Sei mir zum letzten Mal willkommen, Sonne!
Jetzt kann ich dir ins glüh'nde Antlitz schau'n,
Schon fühl' ich mich verwandt mit deinen Strahlen,
Mir ist's als wär' der Erdenkampf die Nacht,
Der Tod die Morgenröte und dem Grabe
Entsteigt die Sonne der Unsterblichkeit.
Faßt euch, indem ich sterbe zahl'
Ich eine längst verfallne Schuld,
Und meinem Gott dank ich daß er mich
So schnell und doch so mild zurückefordert!
Und nun zum Abschied, Kinder,
Lebt wohl, lebt wohl, lebt wohl — ich fühl's, ich sterbe —
Noch einmal, Sonne, hauche warm mich an —