Oktober 1902. 359
Ebensowenig hat unsere Industrie Anspruch darauf. mit so billigen Arbeitslöhnen
zu arbeiten, daß darüber die das Brotgetreide erzeugende Landwirtschaft
zu Grunde geht. Hier muß ein Ausgleich geschaffen werden.
Für unsere Industrie ist die Hauptsache, daß ihr ein gesicherter Absatz
ihrer Produkte im Inlande und Auslande erhalten bleibt durch einen
angemessenen Schutzzoll und durch eine richtige Handelsvertragspolitik.
Dieses Ziel zu erreichen, ist der Zweck der Aktion der verbündeten Regierungen.
Von einer Erhöhung der Agrarzölle in den von den verbündeten
Regierungen vorgeschlagenen Grenzen steht nach der Ansicht der
verbündeteten Regierungen eine Benachteiligung unserer Industric nicht zu
erwarten. Wir haben in den Jahren 1887—1892 einen Zoll von 5 Mark
auf Roggen und Weizen gehabt, ohne daß die Entfaltung unserer Industrie
dadurch gehemmt worden wäre. Wenn wir mit Weizen jetzt um
50 Pfennig höher, also bis 5.50 Mark, gehen, so ist davon eine Schädigung
der Lebenshaltung unserer arbeitenden Klassen kaum zu besorgen,
zumal Weizen nicht die Hauptbrotfrucht des deutschen Arbeiters ist.
In Frankreich existiert seit dem Anfang der neunziger Jahre, wenn
ich nicht irre, seit 1894, ein Weizenzoll von 5.60 Mark
(Zuruf bei den Sozialdemokraten),
und ich wüßte mich nicht zu erinnern, daß die Minister, die sehr ausgezeichneten
Minister, die, aus den Reihen der sozialdemokratischen Partei
hervorgegangen, während der letzten Jahre in Frankreich im Amte gewesen
sind, die Beseitigung dieses Weizenzolles durchgesetzt oder auch nur
angeregt hätten.
(Sehr richtig! rechts.)
In England, dem größten Industrieland der Welt, hat man kein Bedenken
getragen, zu einem Zoll auf Weizen und Mehl zurückzukehren. Die Erfahrung
hat in Deutschland wie in Frankreich gezeigt, daß Zölle auf
Brotgetreide in der Höhe von 5—5,50 Mark nicht imstande gewesen sind,
die Bewegung der inländischen Getreidepreise unabhängig zu gestalten von
der Preisbewegung des Weltmarktes. Nur ganz vereinzelt und vorübergehend
haben Abweichungen stattgefunden; im großen und ganzen war
bei dieser Höhe der Getreidezölle der inländische Getreidepreis denselben
Schwankungen unterworfen, die der Weltmarktpreis durchzumachen hatte.
Unsere Industrie würde also bei einer solchen Höhe der Getreidezölle,
soweit die Versorgung der Arbeiter mit Brotgetreide in Frage kommt, im
wesentlichen noch zu denselben Bedingungen arbeiten wie das Ausland,
wenngleich sie den Betrag des Zolles natürlich besonders in Rechnung
stellen muß. Je höher aber der Getreidezoll bemessen wird, umsomehr