Full text : Geschichte der Hohenzollern.

in  unsern  kurfürstlichen  als  andern  von  Gottes  Gnade  besitzenden  Ländern  sich
allerhand  Confusion  ereignete,  viele  Sachen  unerörtert  liegen  geblieben,  und  darüber
  Klage  zu  führen  entstanden;  weswegen  Wir  veranlaßt  worden,  unsern  Staat
etwas  besser  zu  schaffen,  Uns  einige  Erleichterung  zu  verschaffen,  statt  der  bisherigen
  Kanzlerwürde  ein  solches  Amt  zu  errichten,  welches  nebst  Administration
der  heiligen  Justiz  auch  unsern  Staat  und  andere  davon  abhängende  Verrichtungen
  beobachtet,  die  Sachen,  so  von  unsern  Landen  in  und  außerhalb  des
Reichs  einkommen,  der  Gebühr  nach  unter  die  Räthe  vertheilet,  Uns  darauf  vorzutragen
  und  expedirt  werden  möchten.  Und  wie  Wir  diese  Würde  für  die
höchste  an  unserm  Hofe  achten  werden,  also  wollen  Wir  ihr  auch  die  erste
Stelle  und  zwar  vor  unserm  Feldmarschall  und  Oberkämmerer  geben,  dergestalt,
daß  er  Niemanden  als  Reichsgrafen  weichen  darf.“  In  dieser  ungemein  hohen
Stellung  erhielt  Schwerin  einen  jährlichen  Gehalt  von  1200  Thalern,  für  einen
Sekretär  und  acht  Diener  das  gewöhnliche  Kostgeld,  für  zehn  Pferde  Futter,
und  da  er  wegen  seiner  Geschäfte  den  Tisch  bei  Hofe  nicht  benutzen  konnte,  das
Hauptmannstractament  aus  dem  Amte  Lebus.  Jedoch  gab  es  weit  höher  besoldete
  Staatsmänner,  namentlich  waren  es  Personen  fürstlichen  Ranges,  wie  Johann
  Georg  II.  von  Anhalt-Dessau,  dessen  Gehalt  sich  als  Statthalter  der  Mark
Brandenburg  bis  auf  16,000  Thaler  belief.  Ja  wir  haben  schon  oben  gesehen,
daß  der  Gehalt  des  Feldmarschalls  von  Schomberg,  welcher  freilich  unter
ganz  besonderen  Umständen  in  brandenburgische  Dienste  getreten  war,  als  Statthalter
  von  Preußen  und  Generalissimus  der  kurfürstlichen  Truppen  auf  eine  noch
bedeutendere  Summe  stieg.

Ueberhaupt  hatte  Friedrich  Wilhelm  die  bei  weitem  größte  Kraft  seines
Staates  auf  die  Schöpfung  und  Erhaltung  eines  wohleingerichteten  und  geübten
Heeres  verwendet,  weil  er  nur  in  diesem  eine  hinlängliche  Gewähr  für  seine  so
mühsam  errungene  Stellung  erblickte.  Trotz  aller  Reductionen  nach  dem  siebenjährigen
  und  anstrengenden  Kriege  gegen  Frankreich  und  Schweden  können  wir
die  Stärke  desselben  auf  24,000  Mann,  von  denen  wahrscheinlich  der  fünfte
Theil  auf  die  Reiterei  kam,  berechnen.  Dies  waren,  der  Sitte  damaliger  Zeit
gemäß,  und  wie  es  noch  das  ganze  folgende  Jahrhundert  hindurch  blieb,  keine
Nationaltruppen,  sondern  hier  und  dort  angeworbene  Leute,  vom  Solde  und  der
Beute  im  Kriege  gelockt,  getrieben  und  gezügelt  von  jenem  fast  unerklärlichen,
und  doch  in  der  Geschichte  so  oft  wiederkehrenden  kriegerischen  Corporationsfinne,
welcher  freilich  nur,  wenn  ein  Genie  an  der  Spitze  steht,  erhalten  und  zu  glorreichen
  Thaten  benutzt  werden  kann.  Ueberall  in  Europa  hatten  sich  um  diese
Zeit  nach  dem  Vorbilde  Frankreichs  stehende  Heere,  wenn  auch  großentheils  nur
aus  solchen  Elementen  gebildet,  denn  das  Kriegshandwerk  fing  an,  eine  stehende
Beschäftigung  zu  werden.  Allerdings  waren  auch  diese  Heere  nicht  ohne  ein
nationales  Band,  nämlich  durch  das  Offiziercorps,  welches  zum  großen  Theil
aus  Inländern  bestand,  und  hieraus  erklärt  sich  die  überwiegende  Stellung,
welche  diesem  Stande  vor  den  Civilbeamten  angewiesen  wurde,  da  auf  seiner

10“