Metadata : Geschichte der Deutschen Frauenwelt. Erster Band. (1)

258  Buch  II.  Kap.  8.

durch  ihre  bescheidene  Tugend  den  leichtsinnigen  Eheherrn
aus  den  Schlingen  habsüchtiger  Buhlerinnen  losmacht
und  zu  seiner  Pflicht  zurückführt  109).

Wenn  ein  Kenner  des  deutschen  Stadtlebens  im  Mittelalter,
  welcher  von  romantischen  Neigungen  keineswegs
ganz  frei  ist,  sich  gedrungen  fühlt,  zu  sagen,  daß  man  sich
gegen  die  völlig  haltlose  Annahme  eines  züchtigen  oder
gar  sentimentalen  Mittelalters  fortwährend  verwahren
müsse  110),  so  bieten  unsere  mittelalterlichen  Städtegeschichten
  zahllose  Motive  zu  einer  Verwahrung  dieser  Art.
Um  die  Mitte  des  15.  Jahrhunderts  entwarf  Aeneas
Sylvius  Piccolomini,  nachmals  Papst  Pius  der  Zweite,
eine  Beschreibung  von  Wien,  in  welcher  die  glänzenden
Farben  so  wenig  gespart  sind,  daß  man  stark  versucht  ist,
Manches  von  dem,  was  der  Italiener  über  die  Pracht  der
genannten  Stadt  beibringt,  für  Uebertreibung  einer  südlichen
  Einbildungskraft  zu  halten.  Wie  die  ausgesetzten
Lichter  mögen  dann  auch  die  Schlagschatten  in  diesem  Gemälde
  zu  grell  sein.  Aber  im  Ganzen  trägt  Piccolomini's
Schilderung  der  Wiener  Sitten  von  damals  doch  den
Charakter  der  Wahrheit,  und  zwar  mehr  noch  als  in  dem
lateinischen  Original  in  der  treuherzigen  Ausdrucksweise
der  deutschen  Uebersetzung,  welche  Albrecht  von  Bonstetten
um  1490  gefertigt  hat.  Wir  treten  da  mitten  in  eine
in  voller  Zersetzung  begriffene  Gesellschaft.  Schier  alle

109)  Gesammtabenteuer,  II,  219  fg.
110)  Roth  von  Schreckenstein,  d.  Patriziat  in  d.  d.  Städten,
S.  86.