Volltext : Das Lehrlingswesen und die Berufserziehung des gewerblichen Nachwuchses.

B.  Die  tatsächlichen  Verhältnisse  im  kaufmännischen
Lehrlingswesen.

Die  Betrachtung  der  Zustände  im  kaufmännischen  Lehrlingswesen
  wird  am  zweckmäßigsten  in  der  Weise  erfolgen,  daß  zunächst
das  Menschenmaterial  ins  Auge  gefaßt  wird,  das  in  die  kaufmännische
  Lehre  strömt.  Hieran  knüpft  sich  eine  Erörterung  der
bei  den  einzelnen  Lehrstellen  im  Hinblick  auf  den  Zweck  der  Lehre
gegebenen  Voraussetzungen.  Einer  gesonderten  Untersuchung  bedarf
die  Frage,  wieviel  Lehrlinge  in  den  einzelnen  Lehrstellen  zu  finden
sind  und  in  welchem  zahlenmäßigen  Verhältnis  Lehrende  und
Lernende  zueinander  stehen.  Hierauf  wird  die  Ausbildung  näher
zu  untersuchen  sein.

I.  Das  Lehrlingsmaterial.

Von  schwerwiegender  Bedeutung  für  das  ganze  Niveau  der  Lehre
ist  das  Lehrlingsmaterial,  das  den  kaufsnärnischen  Betrieben  zur
Verfügung  steht.  Von  diesem  sind  sowohl  die  Art  der  Behandlung
als  auch  die  Ausbildungs-  und  Erziehungsmöglichkeiten  sowie  der
Erfolg  in  hohem  Grade  abhängig.  Es  besteht  allerdings  zwischen
dem  wirtschaftlichen  und  kulturellen  Stande  des  jeweiligen  Lehrlingsmaterials
  und  dem  Stande  der  Lehrstellen,  denen  es  sich  zuwendet,
  eine  gewisse  Wechselbezkehung.  Entscheidend  ist  aber  doch
das  erstere,  denn  ein  von  Haus  aus  tüchtiger  Lehrling  kann  auch
auf  einer  geringwertigen  Lehrstelle  immerhin  kraft  eigener  Initiative
in  gewissem  Umfange  seinen  Zweck  errei

Es  wird  daher  Herkunft,  Befähigung  Fend  Vorbildung  der  Kaufmannslehrlinge
  näher  ins  Auge  zu  fassen  sein.

Ein  besonderes  Kennzeichen  der  Verhältnisse  besteht  darin,  daß
in  starkem  Maße  junge  Leute  aus  den  niederen  Volksschichten  sich
dem  Kaufmannsstande  zuwenden.  Nach  Erhebungen,  die  die
Handelskammer  Plauen  im  Jahre  1907  bei  1333  Firmen  ihres  Bezirkes
  für  1925  Lehrlinge  veranstaltete,  waren  die  Väter  von  639
oder  33,19%  dieser  Lehrlinge  als  Arbeiter  anzusehen.  Die  umfassendste
  Auskunft  in  dieser  Beziehung  gibt  wohl  die  im  Jahre  1908
vom  Deutschnationalen  Handlungsgehilfenverband  unter  seinen  Mitgliedern
  veranstaltete  Statistik  (erschienen  unter  dem  Titel:  „Die