136 Unterlegenheit und Erschöpfung.
welche Unsummen der Moloch Militarismus alljährlich verschlinge, und wie schön es
das Volk haben könnte, wenn man diese Summen der sozialen Fürsorge, der Wissenschaft
und Kultur zuwende. Wie kläglich ist auch dieser Schwindel zusammengebrochen!
Ein Kriegs= oder „Wehr“minister „aus dem Volke“ nach dem andern kommt schüchtern
mit der Erklärung heraus, die der Zahl nach jämmerlichen Söldnertruppen, die
auch er zur Aufrechterhaltung der Ordnung nicht entbehren könne, kosteten im Jahr
genau ebensoviel oder doch fast ebensoviel wie unser prachtvolles Heer unter der
Herrschaft des Militarismus. Selbst Taglöhnern beginnt es zu dämmern, wie gut
angelegt und wie fruchtbringend dabei die Ausgaben für jenes Heer waren, und wie
wenig einträglich, wenn auch notwendig, die Ausgaben für das neue „Volksheer“ sind.
Die Herren um Scheidemann sind jetzt auch merkwürdig schweigsam geworden
von den schönen Schwindelsprüchen über die „Freudigkeit“, mit der der „freie"
und „dreise“ vom Joch des Militarismus erlöste Soldat des demokratischen Staates
die Waffen zur Verteidigung des Vaterlandes führen würde. Jawohl, um Bürger-“
kriege anzuzetteln, dafür raubten die ehemaligen Anhänger Scheidemanns freudig
die Arsenale aus, und Noske muß gegen sie die „rückständigen“ bürgerlichen Kräfte
der „abgelebten“ Staatsordnung entsenden. Über die unverteidigte Grenze jedoch,
die unter dem alten „verfaulten“ Milikarismus keines Gegners Fuß überschritt,
fluten im Osten und Westen die Feinde.
Als der Militarismus herrschte, war es umgekehrt; da standen die deutschen
Heere im Norden in Finnland, im Osten bis an die Grenzen Persiens, im Süden
in Italien und im Westen einen Tagesmarsch vor Paris. Wenn der deutsche Milikarismus
jemals eine glänzende Rechtfertigung er fahren hat, dann waren es seine
Leistungen in diesem Krieg. Aber es gibt noch eine andere, tiefer gehende Rechrfertigung,
die beweist, wie sehr unser „Militarismus“ Volks militarismus war, wie sorgfältig
unsere Offiziere mit dem ihnen anvertrauten Gut an Menschenleben umgingen.
Dafür gibt es einen Maßstab, der so unwiderleglich ist wie das Thermometer
für die Temperatur: die Verluste. Deutschland hatte insgesamt 2000000 Tote.
Die Angaben der Franzosen schwanken zwischen 1352000 (amtliche französische Mitleilung
vom Juni 1919) 1400000 (Unterstaatssekretär Abrami), 1500000 (Vizepräsident
des Heeresausschusses im Senat Ooumergue), 1800000 (Tardieu) und
1900000 (Duboit). Ist die Jahl Tardieus richtig, was nicht unwahrscheinlich ist,
so hat Frankreich, das keinen Fußbreit Landes eroberk, wohl aber große Strecken
verloren hat, fast ebensoviel Tote zu beklagen wie Deutschland. Der rumänische
Botschafter in Madrid, Stajowitsch, gab die Jahl der russischen Toten auf 1700000,
der Petersburger Pressekommissar Kusmin am 5. Juli 1918 mit 4½ Millionen an.
Italien hatte nach den ersten Presseangaben etwa eine Million, nach einer amtlichen
Mitteilung 460000 Tote, England ungefähr Sooooo (nach Macpherson, Unterstaatssekretär
für den Krieg), nach einer Mitteilung des Manchester Guardian vom
§. März 1010 900000 Toke. Auf einen deutschen Toten kommen also etwa 2—3 feindliche
Tote. Nakürlich sind auf deutscher Seite noch die österreichischen Toten (850000),
die bulgarischen (200000) und die türkischen (300000) in Anrechnung zu bringen;
dafür sind aber auf der feindlichen Seite die serbischen (zooooo), rumänischen
(338000 , portugiesischen (dooo), montenegrinischen (50000), griechischen (15000),
belgischen (20000) und amerikanischen (70000 nach einer amerikanischen, 112424
nach einer amtlichen französischen Mitteilung vom Juni 1919) noch nicht gezählt.
Manchester Guardian berechnet im Ganzen 2900000 Tote bei den Mittelmächten
gegenüber § s§ooooo Toten bei den Alliierten. Die Jahlen bei den Alliierten