Juni 1902. 341
derartigen internationalen Abkommen seine Zustimmung erteilen will oder
nicht. Ist die Zustimmung aber erteilt, so muß es der Erwägung der
verbündeten Regierungen überlassen bleiben, selbst den Zeitpunkt zu wählen,
welcher geeignet ist, den bestehenden Zustand zu ändern und die durch
den Vertrag für das Reich geschaffenen Verhältnisse auf eine neue Grundlage
zu stellen. Einc vorherige parlamentarische Erörterung dieses Zeitpunkts
und die öffentliche Mitteilung der maßgebenden Erwägungen ist
sachlich ausgeschlossen. Selbstverständlich werden bei der Wahl des
Kündigungszeitpunkts für Verträge, welche Interessen der Landwirtschaft
berühren, diese Interessen seitens der verbündeten Regierungen besondere
Beachtung und Berücksichtigung finden. Der Exekutive muß aber das
Recht gewahrt bleiben, nach ihrem Ermessen und der jeweiligen Sachlage
auch die Kontinuität eines bestehenden Zustandes bis auf weiteres aufrechtzuerhalten.
Diese Gründe sind so schwerwiegender staats= und völkerrechtlicher
Natur, daß die verbündeten Regierungen nicht in der Lage sind, auf jenes
Recht zu verzichten. Die Annahme des Antrages Herold würde daher
für die verbündeten Regierungen gleichbedentend mit der Ablehnung der
Konvention sein.
(Bewegung.)
Als letzter Redner in der Generaldiskussion wandte sich der Abgeordnete Fürst
Bismarck gegen den Angriff des Abgeordneten Dr. Barth. Er sagte u. a.:
„Ferner ist gerade der Herr Abgeordnete Barth wohl der am wenigsten berusene
Interpret eventueller Stellungnahme auf wirtschaftlichem Gebiete des ersten Reichskanzlers.
(Sehr richtig! rechts. Lachen links.) Ich will auf das Sachliche nicht weiter
eingehen, sondern meine Unterschrift nur damit erklären, daß man hier einer in gewissem
Sinne einem Sprung ins Dunkle zu vergleichenden Maßnahme gegenüberstand, die
nach Auffassung der meisten Kommissionsmitglieder doch sehr übers Knie gebrochen war.
„In Bezug auf die eventnelle Stellungnahme des ersten Reichskanzlers und die
Verbindung, in die der Herr Abgeordnete Barth mich damit zu bringen für gut befand,
möchte ich nur sagen: tempora mutantur — damals waren andere Zeiten, als der
erste Reichskanzler die deutschen Interessen zu vertreten halte.“ (Sehr richtig! und
bravo! rechts. Lachen links.)
Darauf antwortete in der Spezialberatung
Reichskanzler Graf von Bülow2
Meine Herren, ich kann eine Bemerkung des Herrn Abgcordneten
Fürst von Bismarck nicht unerwidert lassen. Der Herr Abgeorduecte hat
gemeint, die Brüsseler Zuckerkonvention sei übers Knie ge-2)
A. a. O., S. 5613.