Full text : Fürst Bülows Reden. 1. Band 1897-1903. (1)

Dezember  1898.  33

liegt  die  Eigenart,  aber  auch  die  Sicherheit  unserer
Stellung  am  Goldenen  Horn.  Die  Sympathien,  die  wir  in  der
Türkei  genießen,  und  für  die  wir  dankbar  sind,  gründen  sich  darauf,
daß  die  Türken  wissen,  wie  Deutschland,  eben  weil  es  den  Frieden
will,  auch  für  die  Erhaltung  des  türkischen  Reiches  eintritt:  daß  wir
meinen,  Völkerrecht  bleibe  Völkerrecht  auch  gegenüber  den  Türken:
daß  wir  im  Orient  keinen  Scheinfrieden  wollen,  sondern  wirklichen
Frieden,  und  daß  unsere  wirtschaftlichen  Unternehmungen  in  der  Levante
nicht  der  Ausbentung,  sondern  der  Wohlfahrt  des  osmanischen  Reiches
gelten.  Und  da  alle  anderen  Mächte,  die  im  Orient  gleichfalls  und
zum  Teil  politisch  direkter  interessiert  sind  als  wir,  wohl  wissen,  daß
wir  nicht  daran  denken,  ihnen  Hindernisse  in  den  Weg  zu  legen  oder
ihnen  Erfolge  zu  mißgönnen  oder  in  ihre  Aktionssphäre  einzugreifen  oder
ihre  Aspirationen  zu  durchkrenzen,  so  brauchen  wir  nicht  zu  befürchten,
daß  wir  irgendwo  berechtigte  Eifersucht  erwecken  könnten.  Den  verschicdenen
  Balkanvölkern  stehen  wir  freundlich  und  ohne  parti  pris  gegenüber.
Wir  verfolgen  mit  Wohlwollen  ihre  Entwickelung,  wünschen  nur,  daß  sie
nicht  den  Frieden  stören  mögen,  und  suchen  zum  beiderseitigen  Besten  die
zwischen  ihnen  und  nus  bestehenden  Handelsinteressen  weiter  auszubauen.

Mit  Befriedigung  konstatiere  ich,  daß  unter  der  weisen  Leitung  eines
erlenchteten  Fürsten  das  Königreich  Rumänien  sich  mehr  und  mehr
zu  einem  bedeutsamen  Faktor  der  Ordunng,  des  Fortschritts  und  der
Kultur  auf  der  Balkanhalbinsel  ansbildet.

Gegenüber  den  Rivalitäten  zwischen  den  Balkannationalitäten  verhalten
  wir  uns  ebenso  reserviert  wie  gegenüber  dem  Mitbewerb  um  Einfluß
auf  dieselben.  Wir  wünschen  nur,  daß  möglichste  Ordnung  im  Orient
herrsche,  schon  weil  das  Gegenteil  seine  Rückwirkung  auf  den  Occident
nicht  verfehlen  würde  —  Orient  und  Occident  sind  nicht  mehr  zu  trennen,
hat  schon  vor  80  Jahren  unser  alter  Gocthe  gesagt  —,  und  um  in  Ruhe
unseren  legitimen  Erwerbs=  und  Handelsinteressen  nachgehen  zu  können.

Was  die  kretische  Angelegenheit  angeht,  so  freuc  ich  mich,
daß  unsere  Haltung  in  dieser  Beziechung  von  dem  Herrn  Abgeordneten
Richter  gebilligt  worden  ist.  3)  Wir  haben  seinerzeit  die  „Oldenburg“

3)  Der  Abgeordnete  Richter  hatte  unter  Benntzung  eines  früher  vom  Staatssekretär
  gebrauchten  Bildes  (vgl.  oben  S.  25)  gesagt:  „Daß  man  in  der  kretischen
Frage  die  Flöte  beiseite  gelegt  und  still  aus  dem  Konzertsaal  geschieden  ist  —  offen
gestanden,  das  gefällt  mir  viel  besser  als  die  Art,  wie  man  vor  einigen  Jahren  beim
ersten  Auftauchen  der  kretischen  Frage  gegenüber  Griechenland  eine  Zeitlang  die  erste
Geige  gespielt  hat.“

Penzler,  Graf  Bülows  Reden  2c.  3