Volltext : Tagebuchblätter. Dritter Band. (3)

Dreiunddreißigstes  Kapitel  293

des  Palais,  1  in  welchem  ich  so  viele  Jahre  die  Ehre  gehabt  habe,
Vortrag  zu  halten  und  die  allerhöchsten  Befehle  entgegenzunehmen.
Eine  besondre  Weihe  erhielt  der  Tag  für  mich  durch  die  Begrüßung,
mit  welcher  Ihre  Königlichen  Hoheiten  die  Prinzen  Wilhelm  und
Heinrich  mich  in  Eurer  Majestät  Auftrag  beehrten.  Auch  ohne
diese  neuen  Gnadenbeweise  war  das  Gefühl,  mit  welchem  ich  den
25.  Jahrestag  meiner  Ernennung  zum  Minister  begrüßte,  das  Gefühl
  des  herzlichsten  und  ehrfurchtsvollen  Dankes  gegen  Eure
Majestät.  Minister  ernennt  jeder  Landesherr,  aber  es  ist  in
neuerer  Zeit  kaum  vorgekommen,  daß  ein  Monarch  einen  Minister-Präsidenten
  25  Jahre  hindurch  in  bewegten  Zeiten,  wo  nicht
alles  gelingt,  gegen  alle  Feindschaften  und  Intrigen  hält  und  deckt.
Ich  habe  in  dieser  Zeit  manchen  frühern  Freund  zum  Gegner
werden  sehn,  Eurer  Majestät  Gnade  und  Vertrauen  sind  aber
für  mich  unwandelbar  gleich  geblieben.  In  dem  Gedanken  daran
liegt  für  mich  reicher  Lohn  für  jede  Arbeit  und  Trost  in  Krankheit
  und  Einsamkeit.  Ich  liebe  mein  Vaterland,  das  Deutsche
wie  das  Preußische,  aber  ich  hätte  ihm  nicht  mit  Freuden  gedient,
wenn  es  mir  nicht  vergönnt  gewesen  wäre,  es  zur  Zufriedenheit
  meines  Königs  zu  thun.  Die  hohe  Stellung,  welche  ich
der  Gnade  Eurer  Majestät  verdanke,  hat  zur  Unterlage  und  zum
unzerstörbaren  Kern  den  Brandenburgischen  Lehnsmann  und  Preußischen
  Offizier  Eurer  Majestät,  und  deshalb  beglückt  mich  Eurer
Majestät  Zufriedenheit  und  wäre  mir  jede  Popularität  ohne  dieselbe
  für  mich  wertlos  und  betrübend.  Ich  habe  am  23.,  neben
vielen  Telegrammen  und  Zuschriften  aus  dem  In=  und  Auslande,
sehr  gnädige  Grüße  und  Wünsche  von  Ihren  Majestäten  von  Sachsen
und  Würtemberg,  von  Seiner  Königlichen  Hoheit  dem  Regenten
von  Bayern,  den  Großherzögen  von  Weimar,  Baden  und  Mecklenburg
  und  andern  regierenden  Herren  erhalten,  auch  von  Seiner
Mojestät  dem  König  von  Italien  und  dem  Minister  Crispi.  Die
beiden  letztern  streiften  die  Politik  und  waren  schwierig  zu  beantworten;
  da  der  Text  derselben  Eure  Majestät  vielleicht  interessiert,

so  habe  ich  das  Auswärtige  Amt  zur  Einsendung  derselben  veranlaßt.


 

1  Zum  fünfundzwanzigjährigen  Ministerjubiläum.