Metadata : Unsere Sozialdemokratie im Spiegel der ersten französischen Revolution.

im  Spiegel  der  ersten  französischen  Revolution.  17

Seit  178  Jahren  waren  die  Stände  des  Reiches  nicht  mehr  zu—
sammengerufen  worden.  Die  königliche  Hofhaltung,  welche  einen
Troß  von  15,000  Menschen  unterhielt,  verschlang  ein  Zehntel
der  gesamten  Einkünfte  des  Königreichs.  Die  der  Krone  noch
verfügbaren  Einkünfte  waren  auf  Jahre  hinaus  im  voraus  verzehrt,
  Handel,  Bankwesen  und  Gewerbe  in  den  Händen  weniger
Bevorrechteter,  von  denen  die  entsetzliche  Verschwendung  des  Hofes
ihren  Vorteil  zog,  während  die  große  Masse  des  Volkes  in  Stadt
und  Land  darbte  und  hungerte.

Aus  allen  diesen  Zügen  gewinnen  wir  das  Gesamtbild:
daß  sich  beim  Ausbruch  der  ersten  französischen  Revolution  der
Kampf  aller  gegen  alle  vorbereitet.  Das  ganze  Land  ist  entzweit
  und  zerrissen  durch  die  dringendste  Notdurft  des  Lebens.
Ungeheure  Vermögen  und  Einkünfte,  der  feinste,  reichlichste  und
köstlichste  Lebensgenuß  weniger  steht  dem  kümmerlichsten,  ja  dem
nicht  mehr  erträglichen  Dasein  von  Millionen  gegenüber.  Die
herrschenden  Klassen  selbst,  Krone,  Beamtentum,  Adel,  die  adligen
Spitzen  der  Geistlichkeit,  haben  allen  sittlichen  und  politischen
Halt  verloren,  alles  Interesse  für  den  Staat,  der  auf  ihren
Schutz  allein  angewiesen  ist.  Nur  eine  grundstürzende  Umwälzung
kann,  so  scheint  es,  allen  Befreiung,  Besserung,  Erlösung  bringen.

Schlagen  wir  nun  aber  nach  dieser  Umschau  in  den  Zuständen
  Frankreichs  vor  dem  Ausbruch  der  großen  Revolution
das  neueste  Programm  unserer  deutschen  Sozialdemokratie  auf,
welches  im  Oktober  1891  in  Erfurt  beschloffen  wurde,  so  lesen
wir  da:

„Die  ökonomische  Entwickelung  der  bürgerlichen  Gesellschaft"  —
damit  ist  die  moderne,  kapitalistische  Volkswirtschaft  im  allgemeinen  bezeichnet
  —  „führt  mit  Naturnotwendigkeit  zum  Untergang  des  Kleinbetriebe
  Hand  in  Hand  mit  der  Monopolisierung  der  Produktionsmittel,
  geht  die  Verdrängung  der  zersplitterten  Kleinbetriebe  durch
kolossale  Großbetriebe  ..  Aber  alle  Vorteile  dieser  Umwandlung
werden  von  den  Kapitalisten  und  Großgrundbesitzern  monopolisiert“  (allein
ausgenützt).  „Für  das  Proletariat  und  die  versinkenden  Mittelschichten
—  Kleinbürger,  Bauern  —  bedeutet  sie  wachsende  Zunahme  der  Un-Hans

  Blum,.  Unsere  Sozialdemokratie.  2