Full text : Kriegsziele und Moral.

unberechenbare  Entwicklungen,  auf  vorsichtig  angelegte,
in  Jahrzehnten  erst  wirksame  Gegenzüge  einrichten.
Keine  lebende  Generation  der  Fremden  bürgt  ihm  für
die  kommende,  keine  momentane  Konstellation  für  die
weiteren.“  '°

Wie  die  beiderseitigen  Faktoren  ihrer  Eigenart
wegen  sich  nicht  in  das  Schema  einer  individualistischen
Pflichtenlehre  zwängen  lassen,  so  auch  nicht  die  internationalen
  Verhältnisse  selbst.  Schon  die  rein  politischen
  sind  ungemein  vielgestaltig,  umfassen  eine
Menge  problematischer  Dinge  und  laufen  in  die  feinsten
Verzweigungen  aus,  so  daß  sie  sich  nicht  sicher  überblicken
  lassen.  Militärische,  technische,  kulturelle  und
volkswirtschaftliche  Fragen,  die  nicht  minder  schwierig
sind,  verbinden  sich  damit.  Hinzu  kommt,  daß  für  alle
diese  zu  berücksichtigenden  Momente  die  Zukunft  ungeahnte
  Entwicklungsmöglichkeiten  in  ihrem  Schoße
birgt.  Während  die  Beziehungen  zwischen  Personen
und  kleineren  sozialen  Gebilden  an  die  kurze  Spanne
des  sich  im  großen  und  ganzen  gleichbleibenden  menschlichen
  Lebens  gebunden  sind,  wandelt  sich  die  Lage
der  Welt  und  ihrer  geschichtlichen  Bedingungen  in
reißendem  Fortschritt  um.  Es  kann  daher  nicht  verlangt
  werden,  daß  das  sittliche  Gewissen  sich  ausschließlich
  auf  die  gerade  vorhandenen  Bedingungen
stütze  und  sich  von  ihnen  in  seinen  Entscheidungen
bestimmen  lasse,  vielmehr  darf  es  eine  gewisse  Weite
behalten  und  Zugeständnisse,  die  es  sonst  kraft  sittlicher
  Grundsätze  machen  müßte,  vorsichtig  verweigern.
Gewiß  ist  es  nie  erlaubt,  sittliche  Grundsätze  zu  verletzen,
  aber  Klugheit  und  Selbstbewahrung  sind  auch