68 Vorgeschichte der Akadenıie.
Diese, in Berlin abgefasste Denkschrift wurde am 19. März
1700 dem Kurfürsten in Oranienburg in «doppelter Gestalt — einer
längeren und kürzeren — vorgelegt. Weil die Zeit drängte, konnte
sie Leiwsız nicht erst zur Begutachtung übersandt werden. Noch
an demselben Tage befahl der Kurfürst, »eine Academie des Sciences
und ein Observatorium in Berlin zu etabliren«'. Acht Tage vorher
muss er der Kurfürstin zugesagt haben, ein Schreiben an seinen
anf seme erfiner Pläne viel an dieser Ernennung gelegen lıaben. wie schon KLorr,
Werke. 8.Bd. S.XXIL, XXI f.. 109 ff., 132 Fa 10.Bd. S.XNXX EL. wenn auch mit
einigen Übertreibungen. vermutliet hat (ganz besonders stark spricht für diese
Combination das Schreiben Lerexizens an den Kurfürsten GEorG Lupwis vom
28. März 1700; s. den Urkundenband Nr. 31). Im Sommer 1699 hatte Leissız
seine Ernennung durch die Kurfürstin Sorme und die Herzogin von Orleans in Paris
energisch betrieben; denn er war gekränkt, dass ihm die Ehre. die man ilım schon
in Jahre 1677 versprochen hatte. noch immer nicht erwiesen war (s. auch den
Brief an MArLERRANcHE vom Jahre 1679 bei SENANn Briefwechsel S. 165). Das
Diplom selbst s. bei Krorr. Werke. 8.Bd. S.149f. Auch das akademische Archiv
besitzt in seinen Fascikel »Ernennnngen« eine Abschrift. Sehr unzutreffend bemerkt
Krorr (Werke. ı0.Bd. S.XXI) im Zusanımenhang eines Rückhlicks auf
die Vorgeschichte der Preussischen Soeietät und ihren Abschluss: »Die beiden Kurfürstinnen.
Mutter und Tochter, haben das von Leieniz in der Denkschrift (voın
Februar 1698, s. oben S.53f.) aufgestellte Programın angenommen und handeln in
aller Beziehung demselben entsprechend. Dieses Verhältniss ist entscheidend für
die Stiftung der Societät in Berlin«. Das Gegentheil davon ist richtig (auch Fıscuer,
Frıisen's Briefwechsel mit Leisvız 1896 S.VIl. erklärt sich mit Recht gegen Kropp).
Die brandenburgische Kurfürstin hat jenes Programm weder anfangs noch später
angenomnien, sondern abgelehnt nach ihm zu handeln. ımd die braunschw eigische
Kurfürstin ist. abgesehen von ihrer Verwendung für Leisvız in Paris. an dem Gange
der Dinge iiberhaupt nicht betheiligt gewesen. Die Brandenburgische Societät der
Wissenschaften ist nicht aus einem welfischen Complott, um politische Zwecke zu
erreichen, entstanden. sondern sie entstand, weil das Kalenderwesen und das Observatorimmı
sie nahe legten, und weil Leienız durch die Art. wie er das Unionswerk
betrieb, zeitweilig das Vertrauen des brandenbnrgischen Kurfürsten ınd seines
Ministers erworben hatte. Dass das Ergebniss den \Wüuschen Sorme CHARLorrTE'S
und Leievizens Plane. Ilannover und Brandenburg enger zu verbinden und sellst
hier festen Fuss zu fassen. entsprach, giebt kein Recht, es als einen Vorwand
für geheime politische Zwecke zu fassen, die sich schlechterdings nicht nachweisen
lassen. Vor allem aber zeigt die Geschichte der Soeietät unter Leipvizens Leitung,
lass er nicht im entferntesten daran gedacht hat, sie zu politischen Absichten zu
gebrauchen oder auch nur welfische Gelehrte zu bevorzugen.
' Pie Promptheit, mit der der Kurfürst seine Genehmigung ertheilte. erklärt
sich daraus. dass es höchste Zeit war, die Kalender für 1701 vorzubereiten. Ferner
hatte die Denkschrift auf die noch bestehende Möglichkeit hingewiesen, in Regensburg
werde nach Weıicer's Vorschlag eine astronomische Reichsanstalt gegründet
und die Kalendersache den Einzelstaaten entzogen werden. Demgegenüber wollte
der Kurfürst. wie es ihm nalıc gelegt war, ein fait accompli im Lande schaften,
und dies nm so mehr, als Sachsen mit cinem solchen bereits vorangegangen war
und ein Kalendermonopol in seinen Grenzen geschaffen hatte.