425 Die türkische Frage vom staatswissenschaftlichen Standpunkt. 153
dasselbe arbeits= und verwaltungsunfähig sei. Daher gab er
ihm auf, nie zu ruhen, sondern den ewigen Krieg mit den Ungläubigen zu
suchen, zu Hause aber von dem zu leben, was die unterworfene Rajah
zahlen würde. Daß ein Krieg Geld fordert, wenn man stehende Heere
hat, konnte er natürlich nicht verstehen. Der Sold seiner Spahi's, Begs
und Pascha's war ihm eben der eroberte Grundbesitz. So wie das Geld
hinzutrat, war das Heer und mit dem Heere sein Staat ein anderer. So
wie aber gar ein Fremder ein Recht an dem Gute des Staats durch ein
Darlehen gewann, mußte naturgemäß dieser Staat aufhören zu sein;
denn mit Schlachten zahle ich keine Zinsen und mit Eroberungen kein
Kapital. Und nun gar ein arbeitender, mit der Rajah in Werkstatt
und Künstler sich vermischender, ja gar von einem Giaur bezahlter Osmane?
Alles hätte der Koran als Willen Gottes anerkannt, nur das nicht!
So hatte sich die Türkei vor Schulden gehütet, bis unser Jahrhundert
kam. Unser Jahrhundert aber hat das Kapital nicht blos zu einer Macht,
sondern auch zu einer Waffe gemacht. Das Aufgebot der pfeilbewehrten
Ispahis war keine Armee mehr und der Archipelagus konnte in vergoldeten
Barken nicht vertheidigt werden. Die Dinge waren andere geworden.
Das nun war gerade dieselbe Zeit, in welcher das europäische persönliche
und wirthschaftliche Kapitel sich das Innere von Asien eröffnet hatte,
und nun den Weg dahin suchte. Wird man behaupten, daß das Kapital,
dieser gewaltige Theil des persönlichen Lebens, so innig verbunden mit
Allem was wir sind und haben, nicht auch jenes Vorgefühl der großen
Bewegungen, den Instinkt seiner Aufgaben. besitze? Es kann ja sein, daß
man es leugnet. Gewiß aber ist, daß kaum jenes Afien sich konsolidirt
hatte, als auch das europäische Kapital seine Bewegung nach jenem Staate
begann, der zwischen Europa und Asien lagerte. In weniger als fünfzig
Jahren hatte die Türkei, unkundig der Begriffe und der Gewalt von
Schuld und Zinsen, eine Staatsschuld, an deren Rückzahlung sie vielleicht
schon vor zwanzig Jahren nicht denken konnte, gewiß aber nie gedacht hat.
Es ist nutzlos, hier in das Einzelne jener für einen Europäer geradezu
unglaublichen Mißwirthschaft einzugehen, welche nur Der versteht der nie
in seinem Leben daran gedacht hat, seine Schulden zurück zu zahlen. Die
Türkei war eigentlich bankrott mit den ersten fünfzig Millionen, welche sie
Europa schuldete. Der Grund aber lag nicht in ihrem Mangel an
Kapitalskraft, sondern einzig und allein an ihrer elenden Verwaltung.
Jeder Betheiligte sah in ernster Weise das neue Princip des türkischen
Staatsschuldenwesens: die Verwaltungslosigkeit ward zur Kreditlofigkeit.
Das nun war Sache der Türkei und ihrer Gläubiger, so lange die
erstere in ihren alten Verhältnissen blieb. Nun kam der russische Krieg
und die europäische Ordnung desselben, deren Grundlage die Auflösung
in souveräne, höchstens noch tributpflichtige Staaten war. Neben diesen
wollte Europa aber noch immer den Kern der Türkei seinem Gesammtleben
erhalten, damit derselbe nicht in die Hände einer einzelnen Macht falle.
Das war ganz konsequent. Daß diese eigentliche Türkei nun finanziell
vollständig ruinirt und unter der Herrschaft seines ganz unverantwortlich
verwirthschafteten Papiergeldes zu Allem unfähig war was Zahlung
heißt, war allerdings ganz richtig, aber zuletzt doch Sache des Einzelnen.