Full text : Psychologie der Massen.

14  Erstes  Buch.

Eben  diese  Vergemeinschaftlichung  der  gewöhnlichen
Eigenschaften  ist  es,  was  uns  erklärt,  warum  die  Massen  niemals
  Handlungen,  zu  welchen  eine  besondere  Intelligenz  gehört,
  werden  ausführen  können.  Die  Entscheidungen  von  allgemeinem
  Interesse,  die  von  einer  Versammlung  hervorragender,
  aber  verschiedenartiger  Leute  getroffen  werden,  sind  jenen,
welche  eine  Versammlung  von  Dummköpfen  treffen  würde,
nicht  merklich  überlegen.  Sie  können  in  der  Tat  nur  die  mittelmäßigen
  Allerweltsqualitäten  vergemeinschaftlichen.  Es  ist  die
Dummheit,  nicht  der  Geist,  was  sich  in  den  Massen  akkumuliert.
Es  hat  nicht,  wie  man  so  oft  wiederholt,  die  „ganze  Welt“
mehr  Geist  als  Voltaire,  sondern  Voltaire  hat  gewiß  mehr  Geist
als  die  „ganze  Welt“,  wenn  man  unter  dieser  die  Massen  versteht.

Beschränkte  sich  aber  bei  den  zur  Masse  gehörigen  Individuen
  die  Vergemeinschaftlichung  auf  die  gewöhnlichen  Eigenschaften
  eines  jeden  von  ihnen,  dann  gäbe  es  nur  einen  Durchschnitt,
  aber  nicht,  wie  wir  sagten,  eine  Schöpfung  neuer  Merkmale.
  Wie  kommt  es  zu  diesen  neuen  Merkmalen?  Das  haben
wir  jetzt  zu  erforschen.

Verschiedene  Ursachen  haben  an  dem  Auftreten  dieser
Eigentümlichkeiten  der  Massen,  welche  die  Individuen  nicht
besitzen,  Anteil.  Die  erste  dieser  Ursachen  besteht  darin,  daß
das  Individuum  in  der  Masse  schon  durch  die  Tatsache  der
Menge  ein  Gefühl  unüberwindlicher  Macht  erlangt,  welches
ihm  gestattet,  Trieben  zu  frönen,  die  es  für  sich  allein  notwendig
  gezügelt  hätte.  Es  wird  dies  nun  um  so  weniger  Anlaß
  haben,  als  bei  der  Anonymität  und  demnach  auch  Unverantwortlichkeit
  der  Masse  das  Verantwortlichkeitsgefühl,  welches
die  Individuen  stets  zurückhält,  völlig  schwindet.

Eine  zweite  Ursache,  die  Ansteckung,  trägt  ebenso  dazu
bei,  bei  den  Massen  die  Äußerung  spezieller  Merkmale  und
zugleich  deren  Richtung  zu  bewerkstelligen.  Die  Ansteckung
ist  ein  leicht  zu  konstatierendes,  aber  unerklärliches  Phänomen,
  das  man  den  von  uns  sogleich  zu  studierenden  Phänomenen
  hypnotischer  Art  zurechnen  muß.  In  der  Masse  ist