Full text : Geschichte der Königlich Preussischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Erster Band Zweite Hälfte.

682  Geschichte  der  Akademie  unter  Frievrıcn  Wine  111.  (1812-1840).

weise  so  gross  gewesen,  dass  ein  Bruch  innerhalb  der  Akademie
drolite.  Dass  es  dazu  nicht  gekommen  ist,  ist  vor  allem  das  Verdienst
  des  Ministers  ALtenstein.  Er,  der  erste  preussische  Unterrichtsminister
  (seit  dem  3.  November  1817),  ist  ein  so  einsichtsvoller
Curator  gewesen,  wie  ihn  sich  die  Akademie  nur  wünschen  konnte.
Nicht  nur  hat  er  in  einer  Zeit,  da  der  argwöhnische  Bureaukratismus
seine  Orgien  in  Preussen  feierte,  die  Freiheit  der  Persönlichkeit,
der  Wissenschaft  und  des  Wortes  so  weit  geschützt,  als  es  ihm  sein
Amt  nur  irgend  erlaubte,  sondern  er  hat  auch  mit  wirklichem  Verständniss
  den  Gang  der  wissenschaftlichen  Entwicklung  verfolgt,
ist  ihm  zu  Hülfe  gekommen,  wo  er  konnte,  und  hat  doch  nirgends
eingegriffen,  wo  ein  Eingreifen  schädlich  war.  Vor  allem  aber  hat
er  ein  unerschütterliches  Vertrauen  zur  Wissenschaft  als  der  segensreichen
  Macht  gelegt.  Dieses  Vertrauen  verlieh  dem  Staatsmann
Freiheit,  Muth,  Geduld  und  leitete  ihn  bei  der  Auswahl  seiner
Räthe;  gepaart  mit  einem  weiten  Blick,  gab  es  ihm  eine  Überlegenheit
  selbst  über  solche  Männer,  die  ihn  geistig  überragten'.

I  Vergl.  über  ALTENSTEIN  (1770—1840)  das  Werk  von  VARRENTRAPP,  JOHANNES
Schurze  und  das  höhere  preussische  Unterrichtswesen  (1889)  S.225—513,  besonders
  S.274ff.,  ferner  TreırschkeE,  Deutsche  Geschichte  113  8.231  ff.,  Evrerr,  FrirD-RICH
  WiırnerM  111  Bd.  1S.361,  Tuorvck  -  Bosse  in  der  Real  -  Encykl.  f.  protest.  Theol.
und  Kirche  1?  S.404  ff.,  Gorpscumior  in  der  Allgemeinen  Deutschen  Biographie
Bd.35  S.645  ff.  »Arrenstein  fasste,  im  Gegensatz  zum  Bureaukraten  ScauckMANnN,
den  Geist  der  Sachen  auf  und  behandelte  sie  wissenschaftlich.«  Ausser  den  juristischen
Studien  hatte  er  auch  botanische  getrieben,  und  Fıcrre's  Philosophie,  namentlich
die  Religionsphilosophie,  in  die  er  sich  versenkt  hatte,  gab  seiner  Persönlichkeit
den  inneren  Gehalt.  Mit  fast  unbedingtem  Vertrauen  schaute  er  zu  HEsEL  auf,
aber  seine  Philosophie  zu  studiren  und  sich  anzueignen  hat  er  nicht  mehr  die  Zeit
gefunden.  Feiner  Takt,  Milde  des  Urtheils,  eine  herzliche,  menschenfreundliche
Gesinnung  leuchtet  aus  allen  seinen  Kundgebungen;  seine  liebenswürdigen  und  vornelımen
  Formen  erweckten  in  dem  ganzen  ihm  unterstellten  Ministerium  eine  Urbanität,
  die  man  bisher  in  preussischen  Behörden  vergebens  gesucht  hatte.  E
forderte  von  sich  selbst  das  Höchste  und  war  von  der  Grösse  seiner  Aufgabe  erfüllt;
  eben  desshalb  war  er  stets  geneigt,  Andere  nachsichtig  zu  beurtheilen  und
Bedrängten  zu  helfen.  Er  war  kein  Mann  schneller  Entschlüsse,  und  nicht  ohne
Grimd  warf  man  ihm  vor,  dass  er  wichtige  Fragen  zwar  in  Fluss  zu  bringen,
aber  nicht  zu  beendigen  verstanden  habe.  Allein  man  ınuss  sich  die  Frictionen
gegenwärtig  halten,  die  er  zu  überwinden  hatte.  JonannEes  ScAauLzE  wird  wohl
Recht  haben,  wenn  er  über  ihn  bemerkt:  »Stets  überlegt,  geduldig  in  Widerwärtigkeiten
  und  sicher  in  der  Herrschaft  über  sich  selbst,  zauderte  er  in  wichtigen
  Angelegenheiten  mit  seinem  Entschlusse  und  entwickelte  in  dieser  scheinbaren
  Passivität  nicht  selten  eine  Energie  des  Charakters,  mittelst  welcher  er  vieles
Feindliche  abgewandt  und  manches  Treffliche  an’s  Tageslicht  gefördert  hat«.  Bei
der  Wahl  seiner  Räthe,  von  denen  er  sehr  viel  forderte  —  er  ehrte  ihre  abweichenden
  Meinungen,  aber  er  duldete  nicht,  dass  sie  sich  wider  die  seinige  geltend
machten  —,  zeigte  er  eine  ausgezeichnete  Menschenkenntniss.  XNicoLovius  und