Geringschätzung Preußens in Wien. Oestreichs Selbstüberschätzung. 337
in den fortschrittlichen Blättern &) bis zu den offnen Kundgebungen
großer communaler Körperschaften und dem Ausfall der Wahlen,
bezeugen. Aber in unsre Regimenter und deren Feuergefecht auf
den Schlachtfeldern reichten diese Strömungen nicht hinein, und
auf den Schlachtfeldern lag schließlich die Entscheidung. Auch die
symptomatische Thatsache, daß in Berlin durch Vermittlung des
frühern auswärtigen und damaligen Hausministers von Schleinitz
noch während der ersten Gefechte in Böhmen diplomatische Zette-
lungen mit höfischer Beziehung stattfanden, blieb auf die militärische
Seite der Kriegführung ohne jeden Einfluß.
Wenn das östreichische Cabinet die vertrauliche Eröffnung,
die ich dem Grafen Karolyi 1862 gemacht hatte, ohne irrthüm-
liche Schätzung der Realitäten richtig gewürdigt und seine Politik
dahin modificirt hätte, die Verständigung mit Preußen anstatt dessen
Vergewaltigung durch Majoritäten und andre Einflüsse zu suchen,
so hätten wir wahrscheinlich eine Periode dualistischer Politik in
Deutschland erlebt oder doch versucht. Es ist freilich zweifelhaft,
ob eine solche ohne die klärende Wirkung der Erfahrungen von
1866 und 1870 sich in einem für das deutsche Nationalgefühl an-
nehmbaren Sinne friedlich, unter dauernder Verhütung des innern
Zwiespalts, hätte entwickeln können. Der Glaube an die militärische
Ueberlegenheit Oestreichs war in Wien und an den miteelstaat-
lichen Höfen zu stark für einen modus vivendi auf dem Fuße der
Gleichheit mit Preußen. Der Beweis für Wien lag in den Pro-
clamationen, die in den Tornistern der östreichischen Soldaten
neben den neuen, zum Einzuge in Berlin bestimmten Uniformen
gefunden wurden und deren Inhalt die Sicherheit verrieth, mit der
man auf siegreiche Occupation der preußischen Provinzen gerechnet
hatte. Auch die Ablehnung der letzten durch den Bruder des
X) In den Berliner Bilderläden hing eine Lithographie aus, in der das
Attentat so dargestellt war, daß der Teufel die für mich bestimmten Kugeln
auffing mit den Worten: Der gehört mir! (Vgl. Politische Reden X 123, Rede
vom 9. Mai 1884). #
Otto Fürst von Bismarck, Gedanken und Erinnerungen. I. 22