162 Erich Marcks.
es Zeit war? Alle die Fragen, die ich da aufwerse, bleiben — selbstverständlich!
— ohne eine bestimmte Antwort; wir wissen nur, was
geschehen ist, nicht was sonst geschehen konnte oder wäre. Aber die
Zeitgenossen, die Zustände stellten solche Fragen, und uns dienen sie als
Maß dafür, wie ungeheuer viel der handelnde Einzelne, der dann wirklich
kam, der Einzige, außer dem wir rings in Deutschland keinen
Zweiten erblicken, dem Berufung und Kraft geeignet hätten: wie ungeheuer
viel er in seiner Wirkungsgewalt und auch in seiner Besonderheit
für die Entwicklung bedeutet hat. Er kam von einer Seite her,
der die Lösung der deutschen Frage am allerfremdesten zu sein schien, und
lenkte die Dinge nach dieser einen Seite hin; und er hat auch seine
Genossen, das konservative Preußen, erst zu dieser Lösung gezwungen.
Er fand Schwierigkeiten vor, die schlechthin unüberwindlich schienen. Sein
Königsstaat im offenen inneren Verfassungskonflikt, sein König zuerst
verzagt, beinahe geschlagen; Alles gegen ihn, den Einen, in Preußen, in
Deutschland, in Europa. Daß die national gefinnten Deutschen ihn
nicht erkannten, daß sie ihn gehemmt haben bis zuletzt, das war eine
Fügung voll tragischer Ironie, aber es war begreiflich, denn er war von
ihnen doch wirklich durch breite Verschiedenheit der Bestrebungen getrennt,
und es war das schlimmste der Hindernmisse, die er fand, bei
weitem nicht; viel ärger waren die in der Sache selber naturgemäß
liegenden Schwierigkeiten. Uns ist es einer der reizvollsten Anblicke,
gerade die Not, und dann die Leistung, dieser Jahre von 1862 bis
1866 immer wieder anzuschauen, ein gutes Gegenmittel gegen den kleinmütigen
Pessimismus unseres Tags. Denn wie hoch überragt die
hoffnungslose Verwirrung dieser Zeiten die Gefährnisse und Anstöße,
über die wir heute klagen! Man hat ein gutes Recht, sich an der
Dunkelheit des Bildes von 1862 zu trösten und beinahe zu erbauen.
Und freilich ungleich mehr noch, sich zu erbauen an dem Positiven als
an diesem Negativen — dem Positiven: dem Anblick höchster Menschenkraft,
die sich inmitten dieser Gefahren im Kampfe gegen alle und alles
ringsum so fiegreich entfaltet; dem Anblick dessen, was Bismarck, da
unser Glück ihn aufrief, nun wirklich that.
Wer aber war er? woher kam er? was bedeutete er?
Sie kennen die Thatsachen seines Lebensganges. Der Sohn eines
uralten altmärkischen Rittergeschlechts, das einst Friedrich Wilhelm I. zu
den drei vornehmsten, aber auch widerspenstigsten Familien der Landschaft
gezählt hatte, wächst er auf den Gütern seines Vaters auf altmärkischem
und pommerischem Boden auf, besuchte in Berlin die Schule,
erfährt früh die Einflüsse des Landes wie der Stadt, die bereichernden