566 Nachrichten aus Paris.
bedingungen gebeten habe, da das Programm vom 11. Juni unhaltbar
geworden sei. Der Minister habe ihm erwidert, Frankreich würde ohne
Zweifel Preußens großen militärischen Erfolgen Rechnung tragen. Es sei
aber besser, daß Preußen das Minimum seiner Friedensbedingungen vertraulich
mitteile. Der Kaiser wünsche, daß Goltz ermächtigt werde, darüber
in Paris zu verhandeln. Er versichere, daß mit Rußland und England
keine Verhandlungen im Gange seien, und diese Staaten erst zugezogen
werden sollten, wenn die Sache eine festere Gestalt gewonnen hätte. Goltz
bat hiernach um Instruktion. Man müsse inzwischen die Okkupation Böhmens
vollenden. Prinz Napoleon und Chev. Nigra seien überzeugt, daß Italien
ablehnen und sich schlagen werde. Ersterer sage, Preußen müsse Italiens,
Italien Preußens wegen nicht annehmen zu können erklären. Verhandlungen
vor Waffenstillstand sollten nach der Meinung von Goltz nicht abgelehnt
werden. Auf diese Anfrage nimmt offenbar der Anfang des Erlasses
vom 9. Juli Bezug.
Ob noch weitere Nachrichten aus Paris vor Absendung des Erlasses vom
9. Juli vorlagen, ob namentlich der oben besprochene Bericht des Botschafters
vom 5. Julit schon eingegangen war, muß als sehr zweifelhaft erscheinen.
Das Original des Berichtes ist erst am ro. Juli in Hohenmauth eingetroffen,
jedenfalls also nach Absendung der Instruktion vom 9., wahrscheinlich aber vor
der Expedition des Telegramms vom ro. Dies scheint mir aus der ersten
Fassung dieses Telegramms, die ich vorhin mitgeteilt habe, hervorzugehen.
Bismarck muß damals gewußt haben, daß Frankreich die Annexion Sachsens
weniger leicht bewilligen werde als diejenige Hannovers und Kurhessens. In
Berlin war aber der Bericht von Goltz bereits am 7. Juli angelangt, und Bismarcks
Vertreter im Auswärtigen Amt, Baron von Werther, beeilte sich, bevor
er es weiter gab, einen telegraphischen Auszug davon in das Hauptquartier
zu übermitteln. Dieser ist am 7. Juli, 4 Uhr ro Minuten
nachmitkags aus Berlin abgesandt worden; es läßt sich jedoch leider
nicht genau feststellen, wann er eingetroffen ist.: In dem Auszug war ge-1
S. oben S. 461 f.
: Die Depeschen wurden von Verlin durch den Telegraphen bis zur Endstation Reichenberg,
von da durch beriktene Offiziere an den jedesmallgen Aufenthaltsort des Hauptquartiers
befördert; nach Horitz und Pardubitz brauchten sie auf diese Art elwa 24 bis zo Stunden;
die am 7. Juli vormitétags abgelassenen Telegramme sind alle noch am 8. Juli in Pardubitz
eingetrossen. Erst der schnelle Aufbruch des Hauptquarklers von Pardubitz nach Hohenmanth
am Nachmittag des 9. Jull scheint die regelmäßige Verbindung auf einige Zeit unterbrochen
zu haben; die selt mittags 1 Uhr 40 am 7. Jull abgelassenen Telegramme sind infolgedessen
erst am ro. Juli abends in Zwittan angekommen. Das um 4 Uhr ro nachmittags
abgegangene Telegramm, um das es sich hier handelt, wird also wahrscheinlich ebenso, wie
ein unmittelbar darauf expedlertes erst in Zwittan eingetrossen sein.