Full text : Untersuchungen und Aktenstrücke zur Geschichte der Reichsgründung.

140  Entstehung  des  Oktroyierungsplans.

und  diese  müßte  von  der  allerliberalsten  Art  sein.  Auch  dann  hat  die  Maßregel
  noch  große  Bedenken.“  Wieder  drei  Tage  später  scheint  die  Stimmung
eine  andere  geworden  zu  sein;  denn  er  schreibt:  „Ich  glaube  E.  E.  mit  Bestimmtheit
  sagen  zu  können,  daß  die  Idee  der  Oktroyierung  einer  Verfassung,
die  in  den  letzten  Tagen  lebhaft  angeregt  war,  für  jetzt  beseitigt  ist.“  Der
volle  moralische  Sieg  der  Regierung  mache  es  unnötig,  „ein  dernier  moyen
zu  benutzen,  das  mit  großen  Gefahren  begleitet  sein  würde.  Es  ist  richtiger,
jetzt  auf  die  Fehler  der  Gegner  zu  rechnen  und  sie  zu  benutzen“.!  Daß
der  Gedanke  ktrotzdem  nicht  ganz  aufgegeben  war,  wenn  auch  noch
kein  bestimmter  Entschluß  zu  seiner  Verwirklichung  vorlag,  sieht  man  aus
den  Mitteilungen  der  Minister  an  die  Reichskommissare  in  der  Besprechung
des  21.  November.  Freilich  konnken  diese  nach  dem,  was  ihnen  gesagt  wurde,
kaum  ahnen,  daß  damals  bereits  der  vollständige  Entwurf  der  zu  oktroyierenden
  Verfassung  ausgearbeitet  war;  am  20.  November  hatte  der  König
ihn  bereits  in  Händen  und  übte  eine  sehr  scharfe  Kritik  daran.:  Wir  wissen
nicht,  wann  er  ihm  übergeben  worden  ist,  und  es  ist  sehr  wohl  denkbar,  daß
dies  schon  vor  dem  18.  November  geschehen  war,  und  daß  gerade  der  Widerspruch
  des  Königs  das  Ministerium  an  der  Ausführbarkeit  des  Planes  irre
gemacht  hatte.  Als  man  den  Reichskommissaren  einige  Stunden  nach  der
Sitzung  erklärte,  der  Gedanke  sei  völlig  aufgegebens,  drückte  man  sich  jedenfalls
  bestimmter  aus,  als  der  wahren  Sachlage  entsprach";  man  hatte  gesehen,
wie  sehr  sie  durch  die  gegebene  Andeutung  erschreckt  worden  waren  und  wollte
sie  zunächst  beruhigen.

Die  Bestürzung  der  Reichskommissare  ist  sehr  begreiflich.  Sie  sollten  auf
die  Entlassung  des  Grafen  Brandenburg  und  die  Zurückverlegung  des
Parlamentes  nach  Berlin  dringen;  anstatt  dessen  würde  durch  das  ihnen
in  Aussicht  gestellte  Verfahren  die  bisherige  Versammlung  überhaupt  beseitigt
  und  das  Ministerium  mindestens  bis  nach  erfolgter  Neuwahl  in  seiner
Stellung  gesichert  worden  sein.  Außerdem  mußte  schon  die  bloße  Tatsache
des  Oktropierens  die  preußische  Regierung  in  den  Ruf  der  reaktionären  Gesinnung
  bringen;  da  aber  die  Partei  in  Frankfurt,  die  für  Preußens
Führung  in  Deutschland  einzutretken  berelt  war,  aus  Liberalen  bestand,  so
schien  es  nicht  unmöglich,  daß  manche  ihrer  Mitglieder  stutzig  werden,  vielleicht
  zu  den  Gegnern  abschwenken  und  dadurch  die  Chancen  einer  solchen  Lösung
  vermindern  würden.  Gerade  für  die  Freunde  Preußens  in  Frank-1

  Bellage  20  u.  23.

i  -k.  v.  Gerlach  1,  245.

*  Simson  140  A.  2.

*  Melnecke  zoo  iltlert  einen  Erlaß  an  Camphausen  v.  22.  November,  In  dem  die  Oktroylecung
  noch  als  eine  mögliche,  aber  keineswegs  beschlossene  Auskunft  hingestellt  wird.