Volltext : Gesetz-Sammlung für die Königlich Preußischen Staaten. 1885. (76)

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schlief  nicht  ein.  Gelehrte  und  Gebildete  hegten  sie  in  treuem  Herzen  troß  aller  Verfolgungen,  welche  der  Bund
und  die  Regierungen  verhängten,  und  allmählich  wuchs  die  Zahl  derer,  die  eine  neue  Zukunft  Deutschlands
begehrten.  Freilich,  auf  welche  Weise  sie  zu  schaffen  sei,  das  wußte  niemand  recht  zu  sagen;  nur  so  viel  schien
gewiß,  daß  weder  der  Bund  noch  die  großen  Fürsten  sie  jemals  zugestehen  würden.  Da  somit  der  gerade,  einfache
Weg  zum  berechtigten  Ziele  verschlossen  war,  griff  nebelhafte  und  überreigte  Schwärmerei  um  sich.  Nur  wenige
Männer  erkannten  klar  und  deutlich  das  Heilsame  und  Notwendige  und  wiesen  bereits  auf  Preußen  hin,  als  den
einzig  möglichen  Träger  dereinstiger  deutscher  Größe.

Mit  einem  Male  gewannen  die  nationalen  Gedanken  mächtige  Kraft  durch  die  Revolution  von  1848.  Die
in  der  Paulskirche  zu  Frankfurt  tagende  Nationalversammlung  beschloß  eine  deutsche  Reichsverfassung  und  bot  dem
Könige  von  Preußen  die  erbliche  Kaiserkrone  an.  Friedrich  Wilhelm  IV.  lehnte  sie  aus  mancherlei  Bedenken  ab;
seine  Bemühungen,  auf  andere  Weise  den  deulschen  Wünschen  gerecht  zu  werden,  blieben  erfolglos,  und  so  war
das  Endergebnis  der  großen  Bewegung  die  vollkommene  Wiederherstellung  des  alten  hoffnungslosen  Zustandes  unter
dem  unbrauchbaren  Bundestage,  über  den  nun  Ssterreich  ganz  und  gar  gebot.  Dennoch  hinterließen  die  so  rasch
dahin  geschwundenen  Träume  einer  neuen  Reichsherrlichkeit  bedeutsame  Folgen  und  gewichtige  Lehren.  Bis  in  die
untersten  Schichten  des  Volkes  war  die  Begeisterung  für  Deutschland  gedrungen,  und  sie  konnte  wohl  noch  einmal
zurückgedämmt,  nicht  mehr  ausgelöscht  werden.  Die  Verständigen  hatten  erkannt,  daß  die  Mitwirkung  einer  größeren
Staatsmacht  erforderlich  sei,  und  die  auf  Preußen  gefallene  Kaiserwahl  brachte  den  Wert  dieses  Staates  zum
lebendigen  Bewußtsein.  Hinfort  kam  nur  noch  ernstlich  in  Frage,  ob  Preußen  oder  Österreich  berufen  sei,  die  Führung
zur  Einheit  zu  übernehmen.  Die  sogenannten  Großdeutschen  standen  zum  Hause  Habsburg,  die  Kleindeutschen  dagegen
rechneten  auf  die  Hohenzollern.  Das  Wie?  der  Verwirklichung  wurde  freilich  dabei  noch  nicht  klar.

Die  gesamte  folgende  Entwickelung  spitzte  sich  in  den  Gegensatz  zwischen  den  beiden  größten  deutschen  Staaten
zu;  er  wurde  der  Angelpunkt,  um  den  sich  die  Lösung  der  deutschen  Frage  drehte.

Für  Ssterreich  sprach  die  überlieferung  des  alten  Reiches,  obgleich  dieses  selbst  nur  ein  trauriges  Andenken
hinterließ.  Ssterreich  hatte  dann  zum  Sturze  des  Korsen  kräftig  mitgewirkt,  und  ihm  wurde  schließlich  größeres
Verdienst  daran  zugeschrieben  als  Preußen.  Seine  Armee,  ruhmreich  trotz  mancher  Niederlagen,  galt  als  eine  der
ersten  Europas.  Die  mittleren  und  kleineren  deutschen  Staaten  erblickten  in  der  Wiener  Hofburg  die  beste  Bürgschaft
  für  eine  möglichst  unbeschränkte  Selbständigkeit  und  einen  guten  Schutz  vor  Preußen,  das  die  meisten  fürchteten.
Außerdem  sah  man  Ssterreich  als  deutschen  Staat  an,  und  in  der  That  waren  diejenigen  seiner  Länder,  welche  zum
Bunde  gehörten,  zum  größeren  Teil  deutscher  Zunge.  Sollten  diese  Millionen  in  einem  deutschen  Reiche  entbehrt
werden?  Und  wie  hätte  das  Haus  Habsburg  vermocht  werden  können,  freiwillig  eine  Neuordnung  Deutschlands
zuzulassen,  in  der  ihm  nicht  der  oberste  Rang  zukam?  Wer  sollte  es  dazu  mit  Gewalt  zwingen?

Auf  der  andern  Seite  entschied  gegen  Ssterreich  die  Erkenntnis,  daß  es  weder  das  alte  Reich  in  Ehren  aufrecht
erhalten,  noch  dem  Deutschen  Bunde  Kraft  und  Ansehen  gegeben  hatte.  Der  Bund  diente  nur  dazu,  der  östlichen
Macht  den  vorwiegenden  Einfluß  in  Deutschland  zu  sichern,  ohne  daß  sie  dafür  etwas  leistete.  Ssterreich  stand
völlig  selbständig  neben  Deutschland.  Seine  Länder  bildeten  eine  einheitliche,  in  sich  geschlossene  Masse,  so  daß  der
Staat  auf  rein  deutschem  Boden  keinen  eigenen  Besitz  zu  verteidigen  hatte.  Dagegen  umfaßte  er  große  Länder,
die  mit  Deutschland  nichts  gemein  hatten;  seine  Politik  trug  daher  stets  einen  ausschließlich  österreichischen
Charakter  und  berücksichtigte  die  deutschen  Interessen  höchstens  nebenbei.  ÖSsterreich  verschuldete  auch  das  vollständige
  Fehlschlagen  der  nationalen  Bewegung  von  1848.

Preußens  Bevölkerung  war  so  überwiegend  deutsch,  daß  die  wenigen  anderssprachigen  Unterthanen  nicht  in
Betracht  kamen.  Während  Ssterreich  mit  seiner  wohlgefügten  Grenzlinie  außer  dem  preußischen  Schlesien  nur
Sachsen  und  Bayern  berührte,  hatten  fast  alle  deutschen  Staaten  mit  dem  vielgezackten  Preußen  ein  Stück  Grenze
gemeinsam,  die  norddeutschen  waren  von  ihm  umschlossen.  Am  wichtigsten  war,  daß  Preußen  durch  den  Zollverein
mit  dem  übrigen  Deutschland  ein  einheitliches  Zoll-  und  Handelsgebiet  bildete  und  damit  Handel  und  Wandel