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schlief nicht ein. Gelehrte und Gebildete hegten sie in treuem Herzen troß aller Verfolgungen, welche der Bund
und die Regierungen verhängten, und allmählich wuchs die Zahl derer, die eine neue Zukunft Deutschlands
begehrten. Freilich, auf welche Weise sie zu schaffen sei, das wußte niemand recht zu sagen; nur so viel schien
gewiß, daß weder der Bund noch die großen Fürsten sie jemals zugestehen würden. Da somit der gerade, einfache
Weg zum berechtigten Ziele verschlossen war, griff nebelhafte und überreigte Schwärmerei um sich. Nur wenige
Männer erkannten klar und deutlich das Heilsame und Notwendige und wiesen bereits auf Preußen hin, als den
einzig möglichen Träger dereinstiger deutscher Größe.
Mit einem Male gewannen die nationalen Gedanken mächtige Kraft durch die Revolution von 1848. Die
in der Paulskirche zu Frankfurt tagende Nationalversammlung beschloß eine deutsche Reichsverfassung und bot dem
Könige von Preußen die erbliche Kaiserkrone an. Friedrich Wilhelm IV. lehnte sie aus mancherlei Bedenken ab;
seine Bemühungen, auf andere Weise den deulschen Wünschen gerecht zu werden, blieben erfolglos, und so war
das Endergebnis der großen Bewegung die vollkommene Wiederherstellung des alten hoffnungslosen Zustandes unter
dem unbrauchbaren Bundestage, über den nun Ssterreich ganz und gar gebot. Dennoch hinterließen die so rasch
dahin geschwundenen Träume einer neuen Reichsherrlichkeit bedeutsame Folgen und gewichtige Lehren. Bis in die
untersten Schichten des Volkes war die Begeisterung für Deutschland gedrungen, und sie konnte wohl noch einmal
zurückgedämmt, nicht mehr ausgelöscht werden. Die Verständigen hatten erkannt, daß die Mitwirkung einer größeren
Staatsmacht erforderlich sei, und die auf Preußen gefallene Kaiserwahl brachte den Wert dieses Staates zum
lebendigen Bewußtsein. Hinfort kam nur noch ernstlich in Frage, ob Preußen oder Österreich berufen sei, die Führung
zur Einheit zu übernehmen. Die sogenannten Großdeutschen standen zum Hause Habsburg, die Kleindeutschen dagegen
rechneten auf die Hohenzollern. Das Wie? der Verwirklichung wurde freilich dabei noch nicht klar.
Die gesamte folgende Entwickelung spitzte sich in den Gegensatz zwischen den beiden größten deutschen Staaten
zu; er wurde der Angelpunkt, um den sich die Lösung der deutschen Frage drehte.
Für Ssterreich sprach die überlieferung des alten Reiches, obgleich dieses selbst nur ein trauriges Andenken
hinterließ. Ssterreich hatte dann zum Sturze des Korsen kräftig mitgewirkt, und ihm wurde schließlich größeres
Verdienst daran zugeschrieben als Preußen. Seine Armee, ruhmreich trotz mancher Niederlagen, galt als eine der
ersten Europas. Die mittleren und kleineren deutschen Staaten erblickten in der Wiener Hofburg die beste Bürgschaft
für eine möglichst unbeschränkte Selbständigkeit und einen guten Schutz vor Preußen, das die meisten fürchteten.
Außerdem sah man Ssterreich als deutschen Staat an, und in der That waren diejenigen seiner Länder, welche zum
Bunde gehörten, zum größeren Teil deutscher Zunge. Sollten diese Millionen in einem deutschen Reiche entbehrt
werden? Und wie hätte das Haus Habsburg vermocht werden können, freiwillig eine Neuordnung Deutschlands
zuzulassen, in der ihm nicht der oberste Rang zukam? Wer sollte es dazu mit Gewalt zwingen?
Auf der andern Seite entschied gegen Ssterreich die Erkenntnis, daß es weder das alte Reich in Ehren aufrecht
erhalten, noch dem Deutschen Bunde Kraft und Ansehen gegeben hatte. Der Bund diente nur dazu, der östlichen
Macht den vorwiegenden Einfluß in Deutschland zu sichern, ohne daß sie dafür etwas leistete. Ssterreich stand
völlig selbständig neben Deutschland. Seine Länder bildeten eine einheitliche, in sich geschlossene Masse, so daß der
Staat auf rein deutschem Boden keinen eigenen Besitz zu verteidigen hatte. Dagegen umfaßte er große Länder,
die mit Deutschland nichts gemein hatten; seine Politik trug daher stets einen ausschließlich österreichischen
Charakter und berücksichtigte die deutschen Interessen höchstens nebenbei. ÖSsterreich verschuldete auch das vollständige
Fehlschlagen der nationalen Bewegung von 1848.
Preußens Bevölkerung war so überwiegend deutsch, daß die wenigen anderssprachigen Unterthanen nicht in
Betracht kamen. Während Ssterreich mit seiner wohlgefügten Grenzlinie außer dem preußischen Schlesien nur
Sachsen und Bayern berührte, hatten fast alle deutschen Staaten mit dem vielgezackten Preußen ein Stück Grenze
gemeinsam, die norddeutschen waren von ihm umschlossen. Am wichtigsten war, daß Preußen durch den Zollverein
mit dem übrigen Deutschland ein einheitliches Zoll- und Handelsgebiet bildete und damit Handel und Wandel