Metadaten : Geschichte der Königlich Preussischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Erster Band Erste Hälfte.

33S  (Geschichte  der  Akademie  unter  Friwprıien  dem  Grossen  (1746-1786).

die  Wenigsten  in  der  Streitfrage  selbst  sachkundig  —  um  einzusehen,
  dass  der  Präsident  seine  Macht  missbraucht  und  die  Akademie
sich  unwürdig  gegen  Könıs  benommen  hatte,  dazu  bedurfte  man
der  Keuntniss  des  »Prineips«  nicht.  MaupErTuIs'  Sieg  war  in  Wahırheit
  eine  Niederlage’;  sein  Process  war  vor  der  Akademie  gewonnen,
  aber  vor  dem  Forum  Europas  verloren,  und  schon  nach
wenigen  Monaten  erhielt  der  Streit  ein  Nachspiel,  in  welchem  ein
unbarmherziges  Gericht  über  den  Präsidenten  erging”.

!  Der  sachliche  Streit  dauerte  noch  bis  zum  Tode  Matperrvis’  fort;  denn
dieser  hatte  jetzt  für  nichts  mehr  in  der  Welt  Sinn  als  für  das  neue  Prineip,  an
welches  er  seinen  ganzen  Ruhm  geknüpft  salı.  In  der  Sitzung  vom  15.  November  1753
las  EunLer  ein  Memoire  MavPperrvis’  gegen  D’ÄrRcY  vor  und  am  7.  Mai  1756  einen  Brief
und  ein  Memoire  von  LaGranGE  über  das  Prineip.  Auf  Grund  dieser  Arbeit  wurde
LAGRANGE  wenige  Monate  später  zum  auswärtigen  Mitgliede  ernannt.  So  verdankt
die  Akademie  dem  unglücklichen  Prineip  doch  den  Gewinu  eines  grossen  Matlıematikers.
  —  Schon  im  März  1753  hatte  Königs  wieder  ein  versöhnliches  Schreiben
an  Mavrerttis  gerichtet,  voll  Anerkennung  und  Werthschätzung,  und  ihm  in  demselben
  versichert.  dass  er  an  den  weiteren  Angriffen  auf  ihn  völlig  unschuldig  sei
(s.  LE  SUEUR  p.  141ff.).  Auf  die  Seite  des  Präsidenten  trat  auch  Kastner  in  Leipzig,
und  jener  bemüälrte  sich.  durch  ihn  die  Abhandlung  Evrer's  in  die  Leipziger  \cta
Eruditorum  zu  bringen.

®2  Dass  eine  Minorität  in  der  Akadeınie  mit  der  Art,  wie  der  Streit  officiell  geführt
  worden  war  (und  besonders  mit  Mavpertvis),  höchst  unzufrieden  gewesen  ist,
lehrt  der  spärliche  Besuch  der  entscheidenden  Sitzung  vom  13.  April  1752  (s.  oben).
Es  wird  aber  auch  aus  einem  Brief  SuLzer's  an  KünzLı  vom  Martinstag  1752  deutlich
(L.  Hırzet,  WırLand  und  Küxzuı  S.  55£.):  »Ich  habe  keinen  Antheil  an  dem  Streit,
obgleich  mein  Name  in  der  Liste  der  Richter  steht;  denn  ich  habe  zu  dein  harten
Verfahren  gegen  Herrn  Könıs  meine  Einwilligung  nicht  gegeben  [aber  aus  dem
Sitzungsprotokoll  vom  13.  April  1752  ergiebt  sich,  dass  er  in  der  ominösen  Sitzung
anwesend  war,  und  es  heisst  dort  ausdrücklich,  dass  ein  einstiimmiger  Beschluss
erfolgt  sei]...  Überhaupt  ist  die  ganze  Sache  ein  Streit  de  lana  caprina,  und
Mavperrvis  glaubt  nur  desswegen  etwas  erfunden  zu  haben,  weil  er  sich  niemalen
die  Mühe  gegeben  hat  Leismizens  Sachen  zu  lesen;  denn  das,  was  er  minimum  actionis
nennt,  ist  offenbar  das.  was  Leipsız  ıninimam  vim  vivam  nennt.  Ich  glaube  zwar
wohl,  dass  Mavperevis  sich  für  den  Erfinder  der  Sache  hält,  aber  dass  EuLEr  die
Sachen  so  embronuillirt  und  die  vollkonımene  Identität  der  beiden  Sachen  nicht  einsehen
  will,  wundert  mich.  Denn  er  giebt  sich  alle  Mühe  von  der  Welt.  eben  das,
was  Leisnız  entdeckt  hat,  unter  andern  Begriffen  als  ncu  vorzutragen.  Überhaupt
so  gross  er  in  der  Mathesi  ist,  so  ein  schlechter  Philosoph  ist  er.  Indessen  hat
diese  hässliche  affaire  hier  viel  Händel  gemacht.  Weil  Mauperrvis  alle  Gewalt  in
Händen  hat.  und  man  nicht  sehr  laut  gegen  ihn  reden  darf,  so  ist  die  Verbitterung
  im  Geheim  desto  stärker,  und  dieses  thut  der  Acadcmie  grossen  Schaden.  Man
siehet  die  Parteilichkeit  überall.  Mavrerrvis  ist  seit  bald  einem  Jahr  stark  an  der
Lunge  krank.  Er  wird  kaum  davon  kommen.  Man  kann  schwerlich  sageu,  ob  sein
Tod  für  die  Akademie  gut  oder  schlimm  sein  wird.  Er  hat  als  Präsident  seine
guten  und  schlimmen  Seiten.  Es  ist  hier  ein  Brief  unter  der  Presse,  den  man  aus
Potsdam  zu  sein  glanbet  und  sogar  dem  König  zuschreibt,  in  welchem  den  Gelehrten
  ihre  Eifersucht  und  ihre  Zänkereien  scharf  verwiesen  werden«.  Ein  lehrreicher
  Stimmungsbericht!