166 Das deutsche Reich und seine einzelnen Glieder. (Dez. 6—8.)
die Sache so, daß bei allen unsern Institutionen zuerst danach gefragt werden
muß: Wie wirken sie im Gesamtinteresse, und ist es richtig, das Einzelinteresse
durch irgendwelche Kantelen so in den Vordergrund zu schieben, daß
allein die Rücksicht auf dieses aller beherrscht? Das ist die Meinung der
Regierung nicht, und deshalb hält sie allerdings die öffentliche Stimmabgabe
für ein kostbares Gut, welches ausgeben sie nicht gesonnen ist, und welches
sie auch jedem Ansturm gegenüber aufrechtzuerhalten entschlossen ist.“
Die öffentliche Meinung beschäftigt sich noch ziemlich lange nachher
mit der Frage. Ein Antrag der Reichskanzlers an den Bundesrat erfolgt
jedoch nicht und ist aus guten Gründen auch nicht vorauszusetzen: wenigsteus
der jetzige Reichstag würde ihn vermutlich kurzer Hand und mit größter
Majorität ablehnen. Das allgemeine gleiche Stimmrecht ist sicherlich nicht
der Ausbund aller politischen Weisheit: aber es wird wohl noch sehr, sehr
lange dauern, bis man sich über etwas Besseres, Organischeres allseitig einigen
wird. Solange es bestehen wird, hat die öfentliche wie die geheime Stimmabgabe
ihre unleugbaren Schattenseiten. Die weit überwiegende öffentliche
Meinung neigt sich inzwischen nicht dahin, die öffentliche Stimmabgabe zu
bevorzugen, sondern vielmehr entschieden dahin, die geheime mit den möglichst
weitgehenden Kantelen zu umgeben.
6. Dezember. (Deutsches Reich.) Die Entfestigung Sonderburgs
hat bereits begonnen. In wenig Wochen wird die einst so
gefürchtete Veste Sonderburg-Düppel desarmiert sein.
8. Dezember. (Deutsches Reich.) Durch ein spanisches
Blatt gelangt die erste Nachricht nach Deutschland, daß der Kronprinz
auch nach Rom gehen werde, und zwar in einer Fassung, als
ob er nur dahin ginge, um den Papst zu besuchen oder als ob das
wenigstens sein Hauptzweck wäre und in erster Linie stände. Der
Eindruck wird noch durch die Nachricht verstärkt, der Kultminister
habe seiner näheren Umgebung offen mitgeteilt, er werde sofort zum
Reichskanzler nach Friedrichsruhe und von da nach Genna gehen,
um mit dem Kronprinzen über diese Romreise zu konferieren. Die
Ultramontanen triumphieren, die weit überwiegende Mehrheit der
ösfentlichen Meinung fühlt sich dagegen peinlich berührt. Um sie
zu beruhigen, erklärt die offiz. Nordd. Allg. Ztg. die ganze Nachricht
für „aus der Luft gegriffen"“, was jedoch nicht wahr ist und
was sie auch alsbald widerrufen muß. Gerade an diesem Tage
wird die italienische Botschaft in Berlin davon benachrichtigt, daß
„der Kronprinz auf den Wunsch Kaiser Wilhelms sich nach Rom
begebe, um dem König Humbert für den Empfang in Genua zu
danken und damit zugleich aufs neue Zeugnis abzulegen für das
Freundschaftsverhältnis zwischen den Höfen von Berlin und Rom.“
Zudem heißt es bereits bestimmt, der Kronprinz werde, der Einladung
des Königs von Italien folgend, im Quirinal Wohnung
nehmen. Unter diesen Umständen muß aber der Besuch beim Papste