Inhaltsverzeichnis : Ludendorff, meine Kriegserinnerungen 1914-1918

Eindrücke  an  der  Westfront  209

 

in  Lothringen  und  dem  Elsaß.  Außerhalb  Heeresgruppenverband  standen
die  4.  Armee  unter  dem  Generalfeldmarschall  Herzog  Albrecht  von  Württemberg
  auf  dem  rechten  Flügel  des  Heeres  und  die  7.  unter  Generaloberst
v.  Schubert  zwischen  den  beiden  Heeresgruppen.  Auf  Anderungen  wurde
zunächst  verzichtet,  nur  die  7.  Armee  dem  Kronprinzen  Rupprecht  unterstellt
  und  bald  darauf  für  den  deutschen  Kronprinzen  ein  besonderes
Heeresgruppen-Kommando  gebildet.  Die  Oberste  Heeresleitung  hatte  jetzt
nur  noch  an  drei  Stellen  zu  befehlen.  Die  vollständige  Neugliederung  der
Westfront  aber  sollte  erst  nach  einer  Kampfpause  vorgenommen  werden.

Der  Chef  der  4.  Armee,  General  Ilse,  und  die  Chefs  der  Heeresgruppen
  Kronprinz  Rupprecht  und  Deutscher  Kronprinz,  die  Generale  v.  Kuhl
und  v.  Lüttwitz,  gaben  einen  Überblick  über  ihre  Frontabschnitte.  Die
Obersten  v.  Loßberg  in  seinem  tiefen  Ernst  und  Bronsart  v.  Schellendorf
  in  seiner  lebhaften  Weise  ergänzten  den  Vortrag  des  Generals
v.  Kuhl  über  die  Sommeschlacht  durch  Schilderungen  der  inneren  Hergänge.
  Der  bisherige  Geländeverlust  als  solcher  schien  mir  von  geringerer
Bedeutung,  er  konnte  noch  ertragen  werden;  aber  die  Frage,  wie  solcher  in
der  Folge  mit  seiner  Begleiterscheinung,  der  immer  größer  werdenden
Schwächung  unserer  Kraft,  auszuschließen  sei,  war  von  unendlicher  Wichtigkeit.
  Ich  mußte  über  die  Kräfteverhältnisse  ebenso  klar  sehen  wie
darüber,  ob  unsere  taktischen  Anschauungen  noch  die  richtigen  wären.  Das
erste  war  einfach,  das  zweite  unendlich  schwer.  In  strategisch-taktischen
Fragen  platzen  die  Ansichten  genau  so  aufeinander,  wie  in  allen  politischen
und  wirtschaftlichen.  Es  ist  hierin  eben  so  schwierig,  überzeugend  zu  wirken;
die  Erscheinungen  werden  erkannt,  die  Grundursachen  aber  bestritten.  Sie
sind  daher  schwer  zu  bessern.  Das  Beharrungsvermögen  der  Truppe  ist
groß.  So  war  es  im  Frieden,  so  blieb  es  im  Kriege.

Dem  Bilde,  das  ich  mir  über  die  Verhältnisse  bei  Verdun  und  an  der
Somme  gemacht  hatte,  mußte  ich  auf  Grund  dessen,  was  ich  zu  hören  bekam,
  ein  noch  erheblich  düstereres  Kolorit  geben.  Der  einzig  lichte  Ton
war  die  deutsche  Heldengröße,  die  das  Schwerste,  was  es  zu  erleiden  gab,
des  Vaterlandes  wegen  erlitt.  Ich  kann  die  ergreifenden  Schlachtschilderungen,
  die  ich  hörte,  nicht  wiedergeben;  das  Schönste,  was  darüber  zu
lesen  ist,  hat  ein  junger  Offizier  des  bewährten  hamburgischen  Regiments
geschrieben.  Es  ist  ein  Heldengedicht  in  Prosa.

Es  wurde  mir  klar,  was  der  Generalfeldmarschall  und  ich  in  unserem
neuen  Amt  auf  uns  genommen  hatten  und  was  wir  Führung  und  Truppe
im  Westen  auferlegten,  wenn  wir  sie  noch  schwächten,  um  im  Südosten  anzugreifen.


Eine  gewaltige,  durch  Flieger  gut  geleitete  Artillerie  hatte  an  der
Somme  mit  ungeheurem  Munitionsaufgebot  unsere  Artillerie  niederge-Kriegserinnerungen

  1914—19.  14