Full text : Der Kanzler.

blieb.  Es  war  ungefähr  um  diese  Zeit,  daß  ich,  nicht  aus
Gleichgültigkeit,  sondern  in  Folge  reiflicher  überlegung  aufhörte,
  jeden  Abend,  wie  ich  von  Kindheit  her  gewohnt  ge—
wesen  war,  zu  beten,  weil  mir  das  Gebet  mit  meiner  Ansicht
  von  dem  Wesen  Gottes  im  Widerspruch  zu  stehn  schien,
indem  ich  mir  sagte,  daß  entweder  Gott  selbst,  nach  seiner
Allgegenwart,  alles,  also  auch  jeden  meiner  Gedanken  und
Willen,  hervorbringe,  und  so  gewissermaßen  durch  mich  zu
Sich  Selbst  bete,  oder  daß,  wenn  mein  Wille  ein  von  dem
Gottes  unabhängiger  sei,  es  eine  Vermessenheit  enthalte,
und  einen  Zweifel  an  der  Unwandelbarkeit,  also  auch  an
der  Vollkommenheit,  des  göttlichen  Ratschlusses,  wenn  man
glaube,  durch  menschliche  Bitten  darauf  Einfluß  zu  üben.
Noch  nicht  voll  17  Jahre  alt  ging  ich  zur  Universität  nach
Göttingen.  In  den  nächsten  8  Jahren  sah  ich  mein  elterliches
haus  selten;  mein  Vater  ließ  mich  nachsichtig  gewähren,
meine  Mutter  tadelte  mich  aus  der  Ferne,  wenn  ich  meine
Studien  und  Berufsarbeiten  vernachlässigte,  wohl  in  der
Meinung,  daß  sie  das  übrige  höherer  Führung  überlassen
müsse.  Sonst  blieben  mir  Rat  und  Cehre  andrer  buchstäblich
fern.  Wenn  mich  in  dieser  Heriode  Studien,  die  mich  der
Ehrgeiz  zu  Seiten  mit  Eifer  treiben  ließ,  oder  Leere  und
Überdruß,  die  unvermeidlichen  Begleiter  meines  Creibens,
dem  Ernst  des  Lebens  und  der  Ewigkeit  näherten,  so  waren
es  Philosophen  des  Altertums,  unverstandene  hegelsche  Schriften,
  und  vor  allem  Spinozas  anscheinend  mathematische
Klarheit,  in  denen  ich  Beruhigung  über  das  suchte,  was
menschlichem  Verstande  nicht  faßlich  ist.  Su  anhaltendem
Nachdenken  hierüber  wurde  ich  aber  erst  durch  die  Einsamkeit
  gebracht,  als  ich  nach  dem  Tode  meiner  Uutter,
vor  6  bis  7  Jahren,  nach  Nniephof  zog.  Wenn  hier  anfangs
  meine  Knsichten  sich  nicht  erheblich  änderten,  so  fing
doch  bald  die  innre  Stimme  an,  in  der  Einsamkeit  hörbarer
zu  werden,  und  mir  manches  als  Unrecht  darzustellen,  was
ich  früher  für  erlaubt  gehalten  hatte.  Immer  indeß  blieb
mein  Streben  nach  Erkenntnis  in  den  Sirkel  des  Derstandes
gebannt,  und  führte  mich,  unter  Lesung  von  Schriften  wie

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