510 Hermann Oncken
rung bedeutet haben könnte, wurde im Lager des Dreiverbandes mit gemischten
Gefühlen verfolgt. Obgleich Rußland an nichts weniger als an
einen Rückversicherungsvertrag dachte und sofort amtlich erklären ließ,
daß die bestehende Mächtekonstellation absolut aufrechterhalten würde,
empfand man in Paris und London nur die Schwächung der Entente.
Es mag sein, daß dic russischen Staatsmänner nur in einer Frage minderen
Gewichts die deutsche Geneigtheit in anderen Konfliktsfällen erkaufen
oder gar nur vorläufig Zeit bis zur Kriegsbereitschaft gewinnen
wollten. Vielleicht, daß man auch für den alten Verbündeten — der im
Vorjahre nicht alle Anforderungen erfüllt und auf eigene Faust ein Abkommen
mit Deutschland geschlossen hatte — und für den neuen Ententegenossen
— nach der veränderten Zusammensetzung des Kabinetts und
dem Ausscheiden König Eduards! — eine Warnungstafel aufrichten
wollte, daß man auch anders könne. Genug, die tatsächliche indirekte Wirkung
des Potsdamer Abkommens war doch, in England wie in Frankreich,
nach dem ersten Schmerze eine gesteigerte Bercitwilligkeit zu erzeugen,
der russischen Politik dienstbar zu sein oder womöglich auf
cinem anderen Schauplatz selber den Vortritt zu nehmen. Die Dinge
waren eben schon dahin gediehen, daß jede Milderung der Einkreisungspolitik
an der einen Stelle eine verstärkte Tätigkeit ihrer anderen Faktoren
und letzten Endes doch wieder eine Verschärfung der Gesamtlage
zur Jolge hatte. Während einzelne Engländer den Gedanken eines
analogen deutsch-englischen Abkommens zu erwägen begannens#), waren
die alten Parteigänger der Einkreisung an Sir Edward Grey, hinter dem
die Figur des klugen Königs nunmehr verschwunden war, beinahe irre
geworden; ein sachkundiger Kritiker wie Garvin stellte fest, daß in Sachen
der Bagdadbahnfragc, die für das englische Interesse mehr als für irgendeinc
andere Großmacht eine Lebensfrage sei, die Triple-Entente aufgehort
habe zu existieren. Die Franzosen verbargen ihre Enttäuschung
noch weniger und gedachten noch schmerzlicher des englischen Königs,
den sic vermißten, sic beunruhigten sich über die Zurückziehung der rufsischen
Truppen von der polnischen Grenze und fragten sich vorwurfsvoll,
ob man sich um des Endzieles der Revanche willen dem russischen
Verbündcten nicht viel unbedingter hätte zur Berfügung stellen sollen. 5)
32) So H. H. Johnston (Ninelcenth Century Dezember 1910) über das notwendige
„adjustment of the political relations between the British and German
Empire“: „H such an end could be altained without too great d sacrifice of
vital Brilish interests, it is the end above all others which should be immediately
and unfloggingly pursued by British stalesmen.“
33) Von symptomatischem Interesse sind die Darlegungen des Generals
Bonnal über den Geist des Zweibundes: „Rußland ist zu uns gekommen, weil