Full text : Zur Vorgeschichte des Weltkrieges.

gewähren  sollten,  auf  Europa  beschränkt  war,  wo  im  Falle  eines
russisch-englischen  Konflikts  wir  viel  mehr  für  Rußland  hätten
leisten  müssen,  als  Rußland  im  Falle  eines  dentsch-englischen  Konflikts
  für  uns  hätte  leisten  können.  Auch  hegte  er  starke  Zweifel
an  einem  günstigen  Erfolge  der  Einladung  Frankreichs  zum  Beitritt.
  Deshalb  lehnte  er  die  Verantwortung  für  die  amtliche  Behandlung
  des  Schriftstückes  ab  und  bot  seinen  Rücktritt  an.  Der
Kaiser,  der  ganz  im  Sinne  des  Kanzlers  gehandelt  zu  haben
glaubte,  war  durch  die  Gegenvorstellungen  sehr  enttäuscht  und
wollte  von  Rücktritt  nichts  hören.  Ahnlich,  wie  dem  Kaiser  mit
dem  Kanzler,  erging  es  dem  Zaren  mit  seinen  amtlichen  Leitern
der  auswärtigen  Politik  in  Petersburg.  Sie  empfahlen  eine  nachträgliche
  Erklärung,  daß  im  Falle  eines  deutsch-französischen  Konflikts
  die  Beistandspflicht  Rußlands  nicht  gelten  sollte,  was  sich
zwar  aus  dem  russisch-französischen  Bündnis  erklärte,  aber  ganz  der
Absicht  widersprach,  mit  Hilfe  Rußlands  deu  französischen  Chauvinismus
  („la  queue  de  Delcassé“)  niederzuhalten  und  eine
friedliche  französisch-dentsche  Nachbarschaft  zu  verbürgen.  Die  amtlichen
  Verhandlungen  blieben  darauf  stecken,  und  dem  Erzeugnis
einer  seltsam  unwirklichen  Phautasiewelt,  in  der  man  glaubt,  urit
hösischen  Geheimtraktaten  die  Geschicke  der  Völker  lenken  zu
können,  war  nur  ein  Dasein  in  einem  verschwiegenen  Archivfach
beschieden.

Der  Grundfehler  in  der  Berechnung  des  kaiserlichen  Planes
lag,  abgesehen  von  dem  tatsächlichen  Irrtum,  daß  die  Marokkohändel
  mit  Frankreich  schon  zur  Zufriedenheit  geregelt  seien,  in  der
Unterschätzung  der  persönlichen  Schwäche  des  russischen  Selbstherrschers
  und  der  Nichtbeachtung  der  lebendigen  Kräfte  der  Völker.
Darum  war  aber  die  Absicht,  wenn  möglich,  einen  neuen  Bund
mit  Rußland  zu  schließen  und  damit  eine  russisch-englische  Annäherung
  zu  verhindern,  doch  keineswegs  ungerechtfertigt.  Nicht
nur,  daß  sich  die  englische  Preßkampagne  gegen  Deutschland
während  des  Sommers  1905  noch  verschärft  und  die  „Army  and
Navy  Gazette“  ganz  im  Sinne  der  Reden  von  Lee  und  Fitzgerald
verlangt  hatte,  Deutschland  den  Weiterban  der  Flotte  zu  verbieten
oder,  wenn  es  sich  nicht  gutwillig  fügte,  diese  zu  vernichten.  Auch
von  deim  offiziellen  England  gingen  Handlungen  aus,  die,  wie  die

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