Full text : Handbuch des Völkerrechts Erster Band. (1)

Christenthum  und  Islam.  297

so  darf  man  bei  der  weltgeschichtlichen  Würdigung  Arabisch=  mittelalterlicher
Cultur  doch  zweierlei  nicht  vergessen:  Wirklich  überlegen  war  dieselbe  zeitweise
nur  derjenigen  Gesittungsstufe,  welche  auf  dem  Abendländisch  =  Germanischen
Gebiete  vor  dem  Zeitalter  der  Kreuzzüge  sich  an  die  Scholastik  der  mönchischen
Gelehrsamkeit  angelehnt  hatte.  Und  eben  diese  in  Spanien  und  Syrien  erwiesene
  Ueberlegenheit  beruhte  hinwiederum  auf  der  Aneignung  Hellenistischer,
vorzugsweise  von  Aristotelischer  Wissenschaft  getragener  und  Altpersischer  Culturbestandtheile
  durch  die  Araber.  Die  Logik  und  Dialektik,  die  sich  in  dem  Arabischen
  Rechtsunterricht  mit  der  Lehre  des  Propheten  verschmolzen,  die  Mathematik
  und  Naturbeobachtung,  wodurch  astronomische  oder  medicinische  Studien
  angeregt  und  auf  eine  sogar  für  Albertus  Magnus  vorbildliche  Höhe
emporgehoben  wurden,  entsprangen  aus  der  Fortwirkung  des  alten  Griechisch-Orientalischen
  Geistes.

Wirthschaftlich  und  materiell  reichte  die  an  Arabische  Eroberungen  und
Staatengründungen  geknüpfte,  relativ  höhere  Cultur  niemals  weiter,  als  der
Vorrath  jener  unermeßlichen  Kriegsbeute,  welche  die  Plünderung  reichster
Handelsplätze  oder  alter  Tempel  geliefert  hatte  oder  als  die  zeitweise  überspannten
  Kräfte  einer  unterworfenen  Ackerbau  treibenden  Bevölkerung  in  den
Flußtheilen  des  Euphrat  und  Tigris,  des  Nil  oder  des  Guadalquivir  auszudauern
  vermochten.  Und  bedeutsam  erscheint  es  bei  der  weltgeschichtlichen  Würdigung
  des  Islam,  daß  in  seiner  Arabischen  Heimstätte  die  Bevölkerung  im
Großen  und  Ganzen  nicht  nur  im  Mittelalter,  sondern  sogar  heut  zu  Tage
in  derselben  Einfachheit  gesellschaftlicher  Formationen  beharrt,  die  zu  den
Zeiten  Altägyptischer  Könige  bereits  vorhanden  war.

Trotz  seiner  im  Vergleich  zur  antiken  und  modernen  christlichen  Gesittung
gleich  minderwerthigen  Culturkraft,  bleibt  der  Islam  in  seiner  welthistorischen
Erscheinung  nicht  nur  als  ein  zwischen  Europa  und  den  Asiatisch  -Africanischen
  Religionssystemen  geistig  vermittelnder  Uebergang  von  hoher  Wichtigkeit,
  sondern  auch  von  grundlegender  Bedeutung  für  die  Ausbildung  der  im
christlichen  Mittelalter  ursprünglich  gegebenen  Keime  zu  vollkommener  Staatsbildung.


Denn  der  Islam  negirte  durch  den  Beweis  seiner  kriegerischen  Ueberlegenheit
  nach  der  Unterwerfung  eines  christlichen  Staatswesens  wie  Spanien,  durch
die  Eroberung  Oströmischer  Provinzen  in  Africa  und  Asien,  sodann  auch  im
Ausgange  der  Kreuzzüge  und  schließlich  durch  die  Eroberung  von  Constantinopel
  gleichmäßig  sowohl  die  auf  friedliche  Mission  als  auch  die  auf  Waffengewalt
  begründete  Idee  einheitlich-christlicher  Weltherrschaft  auf  beiden  Seiten
des  Papstthums  und  der  Kaiserreichs.  Je  weniger  Vorzüge  man  vom  christlichen
  Standpunkte  aus  dem  Propheten  und  seiner  Lehre  vor  der  Person  Christi
und  seiner  Kirche  zugestehen  konnte,  je  seltener  man  überhaupt  auch  nur  zum
historischen  Verständniß  des  Islam  auf  wissenschaftlicher  Grundlage  befähigt
war,  desto  mehr  entsprach  es  den  Verhältnissen,  daß  man  die  Quelle  seiner
Macht  in  seiner  politisch-religiösen  Centralgewalt  erblickte  und  alsdann,  je  nach