Full text : Lesebuch für die katholischen Volksschulen des Regierungsbezirks Düsseldorf. Zweiter Teil: Mittelstufe. (2)

Wege  starrt  das  Königskind  lautlos  an.  „Warum  weinst  du  so
sehr?  Tut  dir  etwas  weh?“  hört  sie  fragen.  Sie  spricht  kein
Wort.  „Willst  du  es  mir  nicht  fagen?“  ertönt  es  jetzt  von  neuem
an  ihren  Ohren.  Da  ist  es,  als  wenn  die  Tränen  noch  einmal
fließen  wollten;  schluchzend  ruft  die  Kleine:  „Ich  mag  nicht  nach
Hause  gehen;  ich  habe  die  50  Pfennig,  die  meine  Mutter  mir
mitgegeben  hat,  verloren,  und  Vater,  ach,  der  ist  jetzt  immer  so
traurig,  weil  unsere  Liese  totgefallen  ist.“  —  „Eure  Liese,“  fragte
die  kleine  Prinzessin  erstaunt,  „ist  das  deine  Schwester?“  —  „Nein,
Liese  war  unsere  Kuh.  Nun  schimpft  Vater  alle  Tage  und  sagt,
Mutter  hätte  alles  schlecht  gemacht,  daher  sei  das  Tier  gestorben."
—  „Weißt  du,“  sagte  die  Prinzessin  eifrig,  „ich  kann  dir  ja  nicht
helfen,  aber  ich  will  es  meiner  Mutter  sagen,  die  macht  alles  wieder
  gut;  aber  halt,  vielleicht  könnte  ich  dich  wenigstens  etwas  trösten.
Willst  du  diese  kleine  Börse  haben?  Es  sind  fünf  Mark  darin,  die
darf  ich  geben.  Hier  —  nimm!“

Die  Gräfin,  die  soeben  näher  getreten  war,  fügte  noch  einige
Silbermünzen  hinzu  und  sprach  ebenfalls  freundlich  mit  der  Kleinen.
Alsdann  fragte  sie  nach  der  Wohnung  der  Eltern  und  bestieg  mit
der  Prinzessin  den  Wagen.

Einige  Tage  darauf  sitzt  in  demselben  Dörschen  ein  Arbeiter
mit  seiner  Frau  auf  der  weißen  Holzbank  vor  seinem  Häuschen.
Sie  reden  von  der  gefallenen  Kuh  und  von  der  guten  Prinzessin,
die  ihrem  Riekchen  neulich  das  schöne  Geld  geschenkt  hat.  Plötzlich
horchen  sie  auf.  Ein  Wagen  rollt  ins  Dorf  und  hält  vor  dem
Schulzenamt  an.  Im  Augenblicke  kommt  der  alte  Schulze  herausgestürmt
  und  stellt  sich  mit  dem  Hut  in  der  Hand  neben  den  Wagen.

„Wie  lange  er  den  Hut  in  der  Hand  behält!“  meint  der  Arbeiter
  zu  seiner  Frau.

Jetzt  steigt  eine  vornehm  gekleidete  Dame  mit  einem  kleinen
Mädchen  aus  dem  Wagen.

·  Ja,  was  ist  das  —  sie  gehen  weiter  —  kommen  näher  —
immer  näher  —  sie  schreiten  auf  das  Häuschen  zu.  —  „Aber,
Mutter,“  ruft  der  Mann  erregt,  „das  ist  ja  unsere  gnädige  Kaise—
rin  und  klein  Prinzeßchen.  Mutter,  was  fangen  wir  doch  nun
an?  Mach  man  ja  einen  hübschen  Knicks!“  Ehe  die  Frau  ihrem
erschrockenen  Mann  antworten  konnte,  stand  die  Kaiserin  mit  der
Prinzessin  vor  ihnen.

Der  Mann  drehte  die  Mütze  ganz  verlegen  in  der  Hand,
während  seine  Frau  einen  Knicks  nach  dem  andern  machte  und  leise
vor  sich  hinmurmelte:  „Na,  so  was!  So  was  doch!“