Full text : Kriegsziele und Moral.

—  IV  —

und  Anwendung  fordernde  Grundsätze,  die  zur  Gewissensregel
  werden.  Nicht  ein  Philosophieren  über  die
tiefsten  Ursachen  des  Krieges  und  die  letzten  Ziele  der
Käampfenden  und  deren  sittliche  Beurteilung  ist  an  der
Zeit,  wohl  aber  eine  Klärung  über  die  moralischen  Gesichtspunkte,
  unter  denen  Kriegsziele  und  Friedensbedingungen
  zu  bemessen  sind.  Mit  dem  Entweder-Oder
von  zweckmäßig  und  zwecklos,  von  schädlich  und  nützlich
  läßt  sich  das  nicht  abmachen.

Eine  Verständigung  über  die  hier  in  Betracht:  kommenden
  sittlichen  Normen  setzt  voraus,  daß  überhaupt,
deren  Vorhandensein  und  Herrschaft  auf  den  Gebieten
des  Staatlichen,  Zwischenstaatlichen  und  Überstaatlichen
  anerkannt  wird.  Darum  erschien  es  angezeigt,
im  ersten  Teile,  der  einige  Dinge  von  grundlegender
Bedeutung  berühren  will,  auch  dieser  Seite  des  Problems
etwas  Aufmerksamkeit  zu  widmen.  Dabei  mußte  auf
die  hauptsächlichsten  Ansichten  von  Zweck  und  Ursprung
  des  Staates,  über  die  es  keine  gemeinkatholische
  Lehre  gibt,  Rücksicht  genommen  werden,  wenn
auch  nur  in  aller  Kürze.

Der  zweite  Teil  beschränkt  sich  mit  Absicht  auf
das  Grundsätzliche  und  deutet  die  Richtung  auf  die
schwebenden  Fragen  nur  an.  An  dem  Tagesstreit  mich
zu  beteiligen,  lag  mir  fern.  Es  wäre  nicht  schwer  gewesen,
  Empfindungen  und  Hoffnungen  nach  dieser  oder
jener  Seite  aufzurufen,  aber  eine  nüchterne  Betrachtungsweise
  und  die  Vermeidung  jedes  Agitatorischen
schienen  mir  fürs  Vaterland  in  diesem  Augenblick
nützlicher  zu  sein.

Bonn,  im  November  1916.

Der  Verfasser.