Der Bischof von Straßburg. 123
Kriegsrecht begründete Handlungsweise, man möge daher davon
abstehen.
Diese auffallende und ganz gewiß „nicht im Kriegsrecht begrün—
dete“ Forderung des Prälaten bewies schon hinlänglich, daß seine
Sendung höchstens als eine Formalität aufzufassen sei. Es wurde
ihm denn auch erwidert, wenn das Kriegsrecht nicht gestatte, eine be—
festigte, stark bewaffnete Stadt, die sich eifrig vertheidige, zu bombar—
diren, wie die Franzosen es denn verantworten wollten, daß sie zur
Belustigung des kaiserlichen Prinzen die offene Stadt Saarbrücken mit
Granaten überschüttet, und in den letzten Tagen die gleichfalls offene
Stadt Kehl in einen Trümmerhaufen verwandelt hätten? Darauf
gab der würdige Herr die scharfsinnige Antwort: „Man wisse in
Straßburg nicht, wo die deutschen Kanonen ständen, man vermuthe
sie in den Häusern von Kehl!“
Ferner stellte der Bischof den Antrag, es möge der ganzen Ein—
wohnerschaft gestattet sein, die Festung zu verlassen, und als ihm dies
verweigert wurde, bat er um einen Waffenstillstand von 24 Stunden,
damit die Bürgerschaft auf den Gouverneur einwirken könne. Diese
letzte Bitte wurde ihm gewährt und zugleich hinzugefügt, es solle dem
Gouverneur auch gestattet sein, Offiziere zu schicken, um sich von den
starken Angriffsmitteln und der durchaus hoffnungslosen Lage der
Stadt zu überzeugen. Freilich könne der Kommandant die Stadt
während des Baues der Parallelen und bis zur Vorbereitung zum
Sturme vertheidigen, aber die Stadt gehe dabei zu Grunde.
Nach diesen Besprechungen verabschiedeten der Bischof und der
Offizier des Oberkommandos, der die Verhandlungen geleitet, sich in
freundlichster Weise, und einen Augenblick später wurde auf diesen
Offizier, obwohl er die weiße Fahne in der Hand trug, ein lebhaftes
Gewehrfeuer eröffnet, so daß die Fahne vielfach durchlöchert wurde!
Von der Einwirkung der Bürgerschaft auf den Gouverneur wurde
nichts sichtbar, man hatte den rechten Augenblick vorübergehen lassen,
und jetzt standen die Bürger da, durch die Brände geängstigt, durch
den Pöbel eingeschüchtert, machtlos und muthlos. Durch das Feuer
waren schon ganze Straßen zerstört, mehr als hundert Personen von
der Einwohnerschaft waren durch die Granaten getroffen worden, auf