Full text : Bismarck Die gesammelten Werke. Band 5. (5)

38  Vorhaltungen  in  Weimar  wegen  der  Abstimmung  am  Bunde.

Es  wird  nicht  nötig  sein,  daß  Ew.  pp.  die  Gründe  unserer  Auffassung  noch  einmal  theoretisch
  entwickeln  —  wir  haben  dies  oft  genug  getan  —  oder  daß  Sie  zu  einer  Widerlegung
der  uns  gegenüber  angeführten  Argumente  übergehen,  —  wir  müssen  gestehen,  daß  wir  keine
Argumente  zu  widerlegen  gefunden  haben,  indem  von  keiner  Seite  auch  nur  der  Nachweis
versucht  worden  ist,  daß  die  Fortdauer  einer  zum  größten  Teil  selbst  von  den  entgegen
Stimmenden  als  gegenstandslos  anerkannten  Exekution  oder  die  Verwandlung  derselben
in  eine  Okkupation  und  Sequestration  im  Bundesrechte,  sei  es  im  Buchstaben,  sei  es
im  Geist  der  Bundesverträge,  begründet  sei,  während  wir  unsere  Forderung  auf  sehr
bestimmte  Vorschriften  eben  dieses  Bundesrechtes  stützten.

Es  handelte  sich  dabei  aber  nicht  um  bloß  theoretische  Meinungsverschiedenheiten,
sondern  um  praktische  Maßregeln,  über  welche  die  Entscheidung  von  weitgreifenden  Folgen
sein  mußte.  Eine  gegen  uns  ausgefallene  Entscheidung  würde  uns  in  die  Lage  gebracht
haben,  einer  offenbaren  Kompetenzüberschreitung  des  Bundes  auf  jede  Gefahr  hin  entgegenzutreten.
  Sollte  die  Großherzogliche  Regierung  nicht  die  Schwere  der  Verantwortlichkeit
  fühlen,  welche  darauf  ruht,  zu  einer  solchen  Kompetenzüberschreitung  ihre
Stimme  gegeben  zu  haben?  Mag  dieselbe  auch  vielleicht  von  der  Überzeugung  ausgegangen
sein,  daß  der  preußisch-österreichische  Antrag  auch  ohne  ihre  Stimme  der  Majorität  sicher
sei,  und  daß  sie  deshalb  ohne  Gefahr  einer  theoretischen  Auffassung  Ausdruck  verleihen
könne,  so  hat  sie  doch  übersehen,  daß  diese  Annahme  leicht  hätte  täuschen  können,  und  daß
eine  Änderung  von  zwei  weiteren  Stimmen  zu  einem  entgegengesetzten  Beschluß  geführt
haben  würde.  Die  Regierungen,  welche  einen  solchen  Majoritätsbeschluß  gefaßt  hätten,
würden  doch  aber  selbst  kaum  haben  erwarten  können,  daß  Preußen  und  Österreich  sich  demselben
  unterworfen  hätten,  eben  weil  er  eine  offenbare  Kompetenzüberschreitung  enthielt  und
deshalb  für  niemand  bindend  sein  konnte.

Ist  es  noch  notwendig,  auf  die  Folgen  eines  solchen  Verfahrens  aufmerksam  zu  machen?

Die  Wirksamkeit,  ja  der  Bestand  des  Deutschen  Bundes  wird  durch  jeden  Versuch
der  Kompetenzüberschreitung  gefährdet.  Die  Möglichkeit  des  Bundes  beruht  auf  der
Achtung  aller,  auch  der  kleineren  Bundesglieder  vor  den  Bundesverträgen  und  der  durch
diese  mit  Klarheit  und  Bestimmtheit  gezogenen  Grenze.  In  diesen  Grenzen  finden  gerade
die  kleineren  Staaten  Deutschlands  die  Bürgschaft  ihrer  Unabhängigkeit,  und  die  strenge
Innehaltung  derselben  liegt  daher  vorzugsweise  in  ihrem  eigensten  Interesse.  Preußen  und
Österreich  erhalten  durch  den  Bund  nur  einen  mäßigen  Zuwachs  an  Sicherheit  u[nd]  politischer
  Bedeutung;  jedenfalls  können  sie  obne  denselben  bestehn.  Für  Gr[oßherzogtum]
Sachsen  ist  dies  mindestens  zweifelhaft;  ihm  gewährt  der  Bund  einen  Rechtsschutz,  vermöge
  dessen  in  Deutschland  eine  Vertheilung  der  Souveränetät  fortbesteht,  welche  in  allen
andern  Ländern  Europa's  im  Laufe  der  Jahrhunderte  dem  Streben  der  Nationen  nach  den
Vortheilen  größerer  Gemeinwesen  hat  weichen  müssen.³  Aber  eben  darum  durften  auch
gerade  die  minder  mächtigen  deutschen  Staaten  am  wenigsten  verkennen,  welche  Gefahr  für
sie  in  jeder  Erschütterung  liegt,  welche  die  Festigkeit  des  Bundes  dadurch  erleidet,  daß  einzelne
  Bundes-Glieder  das  Centralorgan  zu  einer  willkürlichen  Action  außerhalb  der  vertragsmäßigen
  Grundlagen  des  Bundes  zu  veranlassen  suchen.⁴

Wie  sehr  wir  selbst  bestrebt  sind,  in  konservativem  Sinne  diese  Grundlagen  zu  erhalten,
das  hat  eine  fünfzigjährige  Geschichte,  deren  Verlauf  mit  manchen  Unbequemlichkeiten  für

3  Die  beiden  letzten Sätze eigenhändiger  Zusatz  Bismarcks.  

4 Der Schluß des Satzes, von den Worten an: ,,welche die Festigkeit  des  Bundes“  eigenhändiger  Zusatz

Bismarcks.