Volltext : Das Preußische Volk in Waffen und die neue Militär-Organisation.

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In  Preußen  bedarf  sie  dieser  Auszeichnung  nicht,  weil  sie  selbst  auf
den  Ruf  stolz  genug  sein  kann,  daß  sie  stets,  im  Felde  wie  im  Festungskriege,
  treu  zu  ihrem  Fürsten  hielt,  und  trotz  des  spröden  Materials,  trotz
mancher  Unbill  und  Zurücksetzung,  trotz  Noth  und  Drangsal  kein  einziger
Fall  aus  der  Kriegsgeschichte  Preußens  bekannt  ist,  in  welchem  sie  versagt
  hätte,  in  welchem  sie  nicht  die  größte  Aufopferungsfihigkeit  bewiesen
Htte.

Man  hat  zwar,  namentlich  während  der  beiden  letzten  Jahrzehnde,
in  manchen  Kreisen  dahin  gestrebt,  auch  in  die  Artillerie  mehr  chevalereske
Elemente  zu  bringen  und  an  die  Stelle  der  mehr  oder  minder  vorhandenen
  mißfälligen,  bürgerlichen  Sympathien  die  noblen  Passionen  zu  setzen,
aber  außer  daß  man  hie  und  da  schon  anfing,  der  edlen  Reitkunst  noch
mehr  als  der  edleren  Schießkunst  zu  huldigen,  machte  sich  kein  besonderer
Erfolg  sichtbar,  weil  jenen  Elementen  ein  noch  höheres  entgegentrat,  das
—  wissenschaftliche.  Diesem  war  es  zu  danken,  daß  die  preußische
Artillerie  bisher  keiner  ausländischen  nachstand,  in  vielem  aber  dem  Auslande
  voranging.

Wenn  die  gute  Times  mit  ächt  englischem  Dünkel  unsere  Einrichtungen
  in  der  Artillerie  nur  nach  dem  englischen  Muster  beurtheilt  und
verurtheilt,  so  hat  sie  dabei  vergessen,  daß  nicht  Eines  für  Alle  paßt,
und  daß  z.  B.  die  preußische  Artillerie  ihr  Material  nicht  erst  auf  Schiffe
zu  verladen  hat,  um  auf  den  Platz  seiner  Wirksamkeit  zu  gelangen,  also
bei  vielen  Theilen  weniger  der  Gleichförmigkeit  und  Gleichmäßigkeit  als
der  Zweckmäßigkeit  zu  huldigen  braucht.  Leider  Gottes  wird  den  ersteren
  auf  Kosten  der  letzteren  noch  viel  zu  viel  Rechnung  getragen.

Mit  der  gesteigerten  Feuerwirkung  des  kleinen  Gewehrs  glaubte
man  schon  die  Artillerie  an  Bedeutung  verlieren  zu  sehen;  aber  gerade  sie
ist  es,  welche  dazu  dient  und  noch  mehr  dazu  dienen  wird,  den  Werth
der  Artillerie  in  ein  desto  glänzenderes  Licht  treten  zu  lassen.  Auch  sie
legte  ihre  bessere  und  schärfere  Wirkung  in  eine  größere  Ferne,  und  dazu
traten  an  Stelle  des  Kartätschenschußes  der  Srapnelschuß,  an  Stelle  der
frühern  leichten  Geschützröhre  die  gezogenen  Kanonen,  welche  auf  den
weiteren  Entfernungen  eine  sicherere  Trefffähigkeit  mit  der  mörderischen
Wirkung  ihrer  Sprenggeschosse  verbinden.  Als  die  französischen  gezogenen
Geschütze  in  Italien  sich  so  wirksam  gezeigt  hatten,  holte  man  sie  auch  in
Preußen  aus  den  —  Akten  hervor,  in  welchen  sie  sich  schon  längst  und
zwar  viel  besser  und  praktischer  construirt  befanden,  und  führte  sie  nun

schleunigst  ein.
Die  Organisation  der  preußischen  Artillerie  ist  noch  nicht  abgeschlossen,