Full text : Kriegsgeschichte von Bayern unter König Maximilian Joseph I. - Zeitraum vom Jahre 1789 bis zum Frieden von Tilsit 1807. (1)

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Der  alte  Wratislav  konnte  von  so  schwerer  Trauer  nie  mehr
genesen.  Mehr  noch  als  der  Verlust  der  geliebten  Söhne  schien
ihn  ein  anderer  tief  geheimer  Gedanke  zu  quälen,  dem  er  nur,  wenn
er  sich  unbelauscht  glaubte,  nachzuhängen  wagte,  und  er  erschrak
über  jede  Andeutung,  die  ein  fremdes  Mitwissen  ahnen  ließ.  Er
nahm  diesen  Gedanken  mit  in  das  Grab,  das  ihn  nach  wenigen
Monden  mit  den  gefallenen  Helden  wieder  vereinigte.

Boleslav  war  nunmehr  als  der  Letzte  seines  Stammes  zu  be—
trachten;  denn  der  entflohene  erstgeborene  Bruder,  der  nicht  einmal
teilhatte  an  dem  jetzigen  Namen  des  Geschlechtes,  der  geächtet  als
Verräter  sich  nie  zurückwagen  durfte,  wenn  er  nicht  anders  schon
im  ungleichen  Kampfe  gefallen  war,  konnte  nicht  mehr  in  Rede
kommen.  Als  rechtmäßiger  Erbe  nahm  Boleslav  Besitz  von  der
Burg  und  den  reichen  Gütern,  die  mit  ihr  zusammenhingen,  und
waltete  als  ein  treuer  Vasall  seines  Kaisers,  als  ein  milder  und  ge—
rechter  Herr  über  seine  Untertanen.

Jahre  waren  verstrichen.  Da  wurde  dem  Schloßherrn  eines
Tages  ein  Fremdling  gemeldet,  der  mit  ihm  in  wichtigen  Angelegen—
heiten  zu  sprechen  habe.  Als  der  starke,  sonnengebräunte  und  in
seinem  Antlitze  durch  tiefe  Narben  entstellte  Fremde  vor  Boleslav
geführt  wurde,  gab  er  sich  diesem  als  der  verschollene  Bruder  Miesco
zu  erkennen.

Boleslav  zögerte,  den  wilden  Gesellen  willkommen  zu  lassen;
als  dieser  aber  mit  herzlichen  Worten  bat,  das  Vergangene  zu  vergessen,
  und  versprach,  keinerlei  Ansprüche  auf  das  väterliche  Erbe
zu  erheben,  da  gewährte  ihm  der  jüngere  Bruder  die  Bitte,  ihn  mit
seinen  beiden  Söhnen  Tugumir  und  Stomef  und  einer  Handvoll
treuer  Diener  in  den  Schutz  der  Burg  aufzunehmen.

Wie  erstaunte  jedoch  der  arglose  Boleslav,  als  nun  die  Zugbrücke
  niedergelassen  wurde  und  Miesco  mit  seinen  Söhnen  an  der
Spitze  einer  stattlichen  Reiterschar  seinen  Einzug  hielt.  Trotzig  sahen
sich  die  einreitenden  Sorben  im  Burghofe  um,  und  auch  Miesco
hatte  jetzt  seine  vorige  bescheidene  Freundlichkeit  abgelegt  und  trat
dem  Bruder,  der  ihn  grüßend  empfing,  recht  hochmütig  entgegen.

Aber  noch  ahnte  Boleslav  nicht  die  wahre  Gesinnung  des
Bruders.  Er  führte  ihn  in  den  Burggarten.  Dort  blieb  er  mit  andächtigem
  Ernste  vor  den  sechs  jungen  Eichen  stehen,  die  schön  und
Rräftig  emporstrebten.

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