Full text: Von Potsdam nach Doorn.

dung ihrer Notwendigkeit auf breiter und unanfechtbarer Grundlage. Er 
leitete die Notwendigkeit hauptsächlich aus folgendem ab: 
Der deutsche Seehandel und die deutschen Seeinteressen überhaupt 
könnten durch Auslandskreuzer in einem Kriege nicht geschützt werden. 
Entscheidend sei zur See das Vorhandensein geschlossener, organisch ge- 
gliederter schwerer Streitkräfte und deren Entscheidungskämpfe in der 
Seeschlacht. Für das Jahr 1898 wurde dem Reichstag ein gesetzlich fest- 
gelegter, befristeter Plan für den Bau einer ‚‚Ausfallflotte‘‘ vorgelegt und an- 
genommen. Zwei Jahre später, im Jahre 1900, wurde das Bauprogramm 
verdoppelt und ebenfalls angenommen. Die völlige Durchführung dieses 
Planes wäre im Jahre 1920 erfolgt. Durch laufenden Ersatz veralteter 
Schiffe nach ebenfalls für die verschiedenen Schiffsklassen gesetzlich fest- 
gelegten Terminen würde dann die Flotte nach Durchführung des Bauplans 
automatisch auf demselben Stande, auf der durch den Bauplan festgelegten 
Sollstärke von sechzig Schlachtschiffen und erforderlichen leichten Streit- 
kräften, sich halten. 
Zur Begründung der Notwendigkeit dieser schrieb der Staatssekretär des 
Reichsmarineamtes, Admiral Tirpitz, u. a. die folgenden Sätze: 
‚Um unter den bestehenden Verhältnissen Deutschlands Seehandel und 
Kolonien zu schützen, gibt es nur ein Mittel: Deutschland muß eine so starke 
Schlachtflotte haben, daß ein Krieg auch für den seemächtigsten Gegner 
mit derartigen Gefahren verbunden ist, daß seine eigene Machtstellung in 
Frage gestellt wird. Zu diesem Zwecke ist es nicht unbedingt erforderlich, 
daß die deutsche Schlachtflotte ebenso stark ist wie die der größten See- 
macht, denn eine große Seemacht wird im allgemeinen nicht in der Lage 
sein, ihre sämtlichen Streitkräfte gegen uns zu konzentrieren. Selbst wenn 
es ihr aber auch gelingt, uns mit größerer Übermacht entgegenzutreten, 
würde die Niederkämpfung einer starken deutschen Flotte den Gegner doch 
so erheblich schwächen, daß dann trotz des etwa errungenen Sieges die 
eigene Machtstellung nicht mehr durch eine ausreichende Flotte gesichert 
wäre.“ 
Die Aufstellung dieses Zieles und eines Bauplanes, dessen Ausführung 
zwei Jahrzehnte in Anspruch nehmen würde, erschien den anderen Nationen 
so phantastisch, daß an die Verwirklichung kaum geglaubt wurde, besonders 
weil im Jahre 1900 der deutsche Bestand an Kriegsschiffen kein einziges 
aufwies, das auf der Höhe der Zeit militärisch und technisch gestanden 
hätte. Man spottete über ‚Des Kaisers Spielzeug‘‘ (the Kaisers toy) und 
begann mit der deutschen Seemacht überhaupt erst zu rechnen, als nach 
1906. das Flottengesetz ergänzt wurde dahin, daß fortan die Qualität der 
Neubauten derjenigen der anderen großen Marinen gleichwertig sein müsse. 
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