Metadata : Das Lehrlingswesen und die Berufserziehung des gewerblichen Nachwuchses.

470  Versammlungsbericht.

rufsbildung  abhängig  ist.  Ich  kann  mich  des  Eindrucks  nicht  erwehren,
  als  wenn  wir  Deutschen  in  der  Bewertung  unseres  gewerblichen
  Bildungswesens  etwas  gleichgültig  sind.  Wir  nehmen  unsere
Schulen  als  etwas  Gleichgültiges  auf,  vielleicht  als  tein  notwendiges
übel  oder  eine  Mode.  Dieser  Eindruck  hat  sich  bei  mir  dadurch
gebildet,  daß  ich  in  verschiedenen  Ländern  im  Gespräche  mit  einsichtigen
  Leuten  erfuhr,  welche  Bedeutung  das  Ausland  unserem
Bildungswesen,  vor  allem  unserem  gewerblichen  Schulwesen  von  oben
bis  unten  beimißt  und  mit  wie  banger  Sorge  man  die  Entwickelung
unseres  gewerblichen  Schulwesens  mit  aufmerksamem  Auge  bis  in
alle  Einzelheiten  verfolgt.  Wir  haben  in  unserem  gewerblichen
Schulwesen  einen  Schatz,  den  wir  selbst  kaum  richtig  bewerten.

Von  nicht  zu  unterschätzender  Bedeutung  ist  eine  gute  Berufserziehung
  durch  gewerbliche  Schulen  uch  zur  Erzeugung  von
Sozialwerten.  Indirekt  zielt  die  Schaffung  von  Entwickelungs=
  und  Wirtschaftswerten  auf  die  Schöpfung  von  Sozialwerten
  hin,  denn  das  Gemeinschaftsleben  gründet  sich  ja  auf
diese  Elemente  und  setzt  sich  aus  ihnen  zusammen.  Aber  auch
direkt  werden  durch  die  Bildungsarbeit  dieser  Schulen  soziale
Werte  erzeugt.  Die  wirtschaftliche  Wohlfahrt  der  Gesamtheit  ist
am  vollkommensten  gesichert,  wenn  der  Gesam  theit  die  nötige  Berufsbildung
  vermittelt  wird.  Darauf  gründet  sich  die  Forderung  nach
allgemeiner  Verbreitung  dieser  Schulen,  insbesondere  nach  obligatorischen
  Fortbildungsschulen.  Das  Gleiche,  gilt  auch  von  der  Kulturhöhe
  der  Gemeinschaft.  Innerhalb  der  menschlichen  Gesellschaft  hat
aber  auch  die  möglichst  gleiche  Fürderang'  aller  Mitglieder  von  allen
Berufen  durch  gute  Berufserziehung  zur  Folge,  daß  nach  der  Idee
der  ausgleichenden  Gerechtigkeit  unnötige  Kastenunterschiede  beseitigt
werden.  Zu  stark  ausgeprägte  Klassifizierung  wirkt  schädlich  auf
die  Kulturarbeit,  da  sie  die  Ursache  ist,  daß  sich  die  Menschen  of
nicht  verstehen,  nicht  die  Gemeinsamkeit  der  Aufgaben  erkennen,  sick
oft  bekämpfen  und  sich  hassen.  Deshalb  hat  schon  S  chmoller  in
früheren  Jahren  einmal  darauf  hingewiesen,  daß  für  die  Zukunft
vielleicht  der  Unterschied  in  der  Bildung  unserm  Volke  verhängnis.
voller  werden  könne  als  der  Unterschied  im  Besitz.  Schmoller  sprach
das  Wort  zu  einer  Zeit,  in  der  man  erst  wenig  für  gewerbliche  Berufsbildung
  getan  hatte.  Zu  höherer  abstrakter  Bildung  das  Volk
emporzuziehen,  erschien  ziemlich  aussichtslos.  Inzwischen  ist  aber  das
Mittel  zum  sozialen  Ausgleiche,  wenn  auch  nur  annäherungsweise
gefunden.  Durch  gute  Berufsbildung  wird  der  Beruf,  wie  wir  gehört
haben,  durchgeistigt,  ja  das  ganze  Vorstellungsmaterial  des  Berufs,
das  früher  meistens  tot  und  abgesondert  vom  geistigen  Leben  blieb,
wird  jetzt  in  den  Dienst  der  Bilbunß  gestellt  und  hebt  den  Menschen
auf  eine  Höhe,  die  den  höher  gebildeten  Ständen  viel  näher  liegt
als  früher.  Man  schätzt  den  Mitmenschen,  dem  eine  gute  Berufsbildung
  zuteil  geworden  ist,  auf  Grund  seines  Könnens  und  Handelns
stets  höher  ein,  man  fühlt  sich  ihm  *o  eistig  mehr  verwandt.  Die  Idee
der  christlichen  Nächstenliebe,  des  Mitgefühls  und  des  Wohlwollens
bekommt  dadurch  einen  realen  Boden  und  einen  viel  tieferen  Inhalt.