Volltext : Reichs-Gesetzblatt. 1875. (9)

Bilder  aus  der  letzten  Kaiserzeit.

kommen  eines  Ausgleichs  mit  England,  für  den  sich  ja  in  lehter  Zeit  auf
beiden  Seiten  des  Kanals  manche  Stimmen  erhoben  haben.  Unter  der
Voraussetzung,  daß  die  Marokkofrage  gelöst  und  daher  nicht  mehr  imstande
  sein  würde,  die  deutsch-englischen  Beziehungen  ungünstig  zu  beeinflussen,
  scheint  mir  aber  die  Erzielung  eines  Einvernehmens  mit  England,
  wenigstens  solange  die  liberale  Regierung  am  ARuder  ist,  kroß  der
großen  augenfälligen  Schwierigkeiten,  die  einem  solchen  entgegenstehen,
nichl  außerhalb  der  Grenzen  des  Erreichbaren  zu  liegen.  Gerade  die
englischen  Besorgnisse  vor  der  Entwichlung  unserer  Flokte  bin  ich  geneigk,
so  paradox  das  klingen  mag,  als  einen  Umstand  anzusehen,  der  das  Zustandekommen
  einer  Verständigung  ganz  wesentlich  zu  erleichtern  geeignet
ist.  Die  geradezu  panische  Angst,  mit  der  ganz  England  das  Anwachsen
der  deutschen  Streitkräste  zur  See  beobachtek,  die  schweren  finanziellen
Lasten,  die  ihm  der  Grundsatz  auferlegt,  steks  doppelt  so  stark  gerüstet  zu
sein,  wie  wir,  die  großen  Verlegenheiten,  die  ihm  bezüglich  seiner  Weltstellung
  die  Notwendigbeit  bereitet,  beinahe  seiner  gesamten  Streitkräfte  in
der  Nordsee  zu  immobilisieren  —  alles  das  sind  Momente,  die  mir  zu  erweisen
  scheinen,  ein  wie  wertvolles  Atout  wir  in  unserer  Flottenpolitik
England  gegenüber  in  der  Hand  haben.  Der  enthuslastische  Empfang,  der
der  amerikanischen  Flotke  in  den  füngsten  Tagen  in  Australlen  zutell
geworden  und  dessen  demonstrativer  Charakter  auch  hier  nicht  verkannt
worden  ist,  dürfte  es  manchem  denkenden  englischen  Politiker  zum  Bewußtsein
  gebracht  haben,  wieviel  nühlicher  es  für  das  englische  Imperium
wäre,  wenn  die  englischen  Schlachtschiffe  an  Ort  und  Stelle  den  australischen
Brüdern  den  Wert  und  die  Größe  des  vom  Muttkerlande  zu  erwartenden
Schutzes  demonstrieren  könnten,  anstatt,  des  hopokhetischen  deutschen  Angriffs
  gewärtig,  in  England  im  Hafen  zu  liegen.  Es  entzieht  sich  meiner
Beurteilung,  ob  und  in  welcher  Form  es  uns  vielleicht  einmal  möglich  sein
würde,  England  von  seinen  Besorgnissen  vor  der  Beeinträchtigung  seiner
Suprematlie  zur  See  durch  Deutschland  in  übereugender  Weise  zu  befreien.
  Sollke  der  Fall  aber  eintreten,  so  dürfte  dies  meines  gehorsamsten
Dafürhaltens  nicht  geschehen  ohne  vollwertige  Gegenlelstung  von  englischer
Seite.  Eine  Vereinbarung,  wie  sie  zurzeit  hiesigen  Politikern  vorschwebt,
und  die  sich  lediglich  auf  die  beiderseils  zu  beobachtende  Flottenpolikik  zu
erstrecken  hätte,  würde  meines  Erachtens  schon  aus  dem  Grunde  nicht  in
Frage  kommen  können,  weil  sie  der  vorteilhaften  Lage,  in  der  wir  uns
England  gegenüber  besinden,  nicht  genügend  Rechnung  kragen  würde.  Es
würde  vielmehr  ein  eventuelles  Abkommen  mit  England  auf  eine  möglichst
breite  Basis  zu  stellen  sein,  um  auf  anderen  Gebleten  Kompensationen  für
die  Preisgabe  der  Vorzugsstellung  zu  erlangen,  die  wir  gegenüber  den
englischen  Flottennöten  haben.  Das  russisch-englische  Abkommen  über
Zenkralasten,  das  England  von  der  sekularen  Sorge  vor  einem  russischen

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