Full text : Rosenheimer Anzeiger. 61. Jahrngang (61)

III.  Die  Entstehung  der  Verfassung.  301

Glauben  an  sein  Volk  wiederzugewinnen.  Das  drohte  den
Leitern  der  großen  politischen  Intrigue  das  Konzept  völlig  zu
verrücken.  Für  den  äußersten  Fall  freilich  stand  ihre  Hoffnung
auf  Rußland.  Auch  war  es  wesentlich  Scheu  vor  diesem,  was
den  König  hinderte,  jenen  Regungen  nachzugeben,  und  als
Oesterreich  den  Beginn  der  Konferenzen  über  die  Bundesreform
davon  abhängig  machte,  daß  zuvor  Hessen  geräumt  und  die
Bundeserekution  in  Holstein  zugelassen,  auch  die  Union  förmlich
  aufgelöst  wäre,  befahl  er  Gröben,  den  Vormarsch  einzustellen
  und  auf  die  Etappenstraße  zurückzugehen.  Aber  noch
ehe  das  geschah,  kam  es  am  8.  November  bei  Bronzell  zu
einem  Vorpostengefecht,  bei  dem  auf  österreichischer  Seite  einige
Jäger,  auf  preußischer  ein  Trompeterschimmel  verwundet
wurden  —  das  vielbespottete  einzige  Blutvergießen  in  diesem
unrühmlichen  Scheinfeldzug,  der  nach  Manteuffel  freilich  nur
zur  Erhaltung  des  Friedens,  nicht  in  der  Absicht  eines  Krieges
unternommen  war.  Schleunigst  bewilligte  daher  Manteuffel,
als  Prokesch  nun  seine  Pässe  forderte  (9.  November),  Oesterreichs
  Forderungen  und  machte  nur  die  Räumung  Hessens
abhängig  von  bestimmten  Zusagen  über  die  Dauer  und  den
Zweck  der  Bundeserekution  und  von  der  Anerkennung  des
Rechts  Preußens  auf  die  dortigen  Etappenstraßen.  Diese  stellte
Oesterreich  zwar  in  Aussicht,  verlangte  aber  die  Freigebung  des
Weges  für  die  Erekutionstruppen  nach  Kassel,  angeblich  weil
nur  so  deren  Verpflegung  gesichert  war.  Die  Einzelheiten  dachte
Manteuffel  mit  Schwarzenberg  persönlich  zu  ordnen.  Da  erging
  am  25.  in  aller  Form  ein  österreichisches  Ultimatum,
das  die  Oeffnung  der  Straßen  auf  Kassel  bis  zum  27.  forderte,
widrigenfalls  die  Bundestruppen  sie  erzwingen  würden.  Das
war  schließlich  also  doch  der  Krieg.  Auch  der  König  schien
endlich  an  der  Grenze  der  Nachgiebigkeit  angelangt:  hatte  er
doch  am  21.  November  bei  der  Eröffnung  der  Kammern  erklärt,
  Preußen  habe  in  Hessen  ein  gutes  Recht  zu  verteidigen
und  werde  bis  zu  seiner  Anerkennung  in  Waffen  bleiben,
obgleich  eine  solche  Aussicht  ihn  mit  Entsetzen  erfüllte.  Mehr
denn  je  offenbarte  sich  daher  in  diesem  Widerstreit  seine
Neigung,  sich  und  andere  über  die  wahre  Lage  zu  täuschen,